Valli di Lanzo – Wo sich alpine und mediterrane Flora und Kultur küssen

Prefazione

Schon fast ein halbes Jahr bin ich nun pensioniert und geniesse dieses neue Lebensgefühl tagtäglich in vollen Zügen. Wenn mich dann ab und zu noch Hiobsbotschaften von meinem ehemaligen Arbeitgeber erreichen, bin ich noch mehr davon überzeugt, dass der Entscheid absolut richtig war und die kleine Ratte das lecke Schiff rechtzeitig verlassen hat.
Seit vielen Jahren habe ich die piemontesischen Lanzotäler in der Nähe von Turin im Kopf. Wie so oft im September möchte ich auch dieses Jahr wieder auf einer längeren Biwaktour eine für mich neue Region entdecken. Der September ist in der Regel ein idealer Monat für eine solche Unternehmung. Auf den hohen Pässen liegt kein Schnee mehr, und Neuschnee ist meist noch nicht gefallen bzw. schnell wieder weggeschmolzen. Die Tage sind noch nicht ganz so kurz, die Sommerhitze und damit auch die häufigen Gewitter haben sich mehr oder weniger verabschiedet, und auf den höher gelegenen Alpen weidet oft kein Vieh mehr. So weit so gut.
Nachdem Jean und ich im August eine wunderschöne Woche im Valle di Campo verbracht haben und ich danach die Gärten wieder auf Vordermann gebracht habe, könnte es losgehen. Aber das Wetter will und will nicht stabil werden, ein Tief nach dem anderen, vier an der Zahl bis Mitte September, sucht das Piemont heim. Das gibt mir immerhin Zeit, die Landkarten nochmals ausführlich zu studieren und für mich gangbare Übergänge von Tal zu Tal zu finden sowie eine kürzere Alternative im Tessin auszuarbeiten. Und dann, endlich!!, fast von einem Tag auf den anderen, kündigt Meteo Italia ein stabiles Hoch über dem Mittelmeer an, welches auch im grössten Teil der italienischen Alpen wirksam sein soll. Also sofort fertig packen, Unterkunft für die erste Nacht buchen und Billette lösen.

Sonntag, 14. September 2025, Freidorf – St.Gallen – Arth-Goldau – Lugano – Milano Centrale – Torino Porta Susa – Germagnano – Pessinetto

Es hat die ganze Nacht in Strömen geregnet, und das tut es immer noch, als mich Jean zum Bahnhof bringt, erster Zug Richtung Süden. In Wattwil steigt meine Schwester Sabine zu, und gemeinsam reisen wir bis Bellinzona. Sie macht eine zweitägige Hüttentour vom Maggiatal in’s Verzascatal. Blauer Himmel ennet dem Gotthard!
Für mich geht die Reise weiter mit umsteigen in Milano Centrale und Torino Porta Susa. Der Regionalzug, welcher bis zum Flughafen Torino Caselle gut besetzt ist und anschliessend immer leerer wird, fährt bis nach Germagnano. Ab dort Bahnersatz, die Strecke bis Ceres wird derzeit erneuert und soll ab nächstem Jahr wieder in Betrieb sein. Im blauen gtt-Bus bin ich die einzige Passagierin. Da das Billettlösekästchen im Bus eine Panne hat, fahre ich gratis – quasi ein riesiges Taxi ganz für mich alleine. In Pessinetto steige ich aus und gehe die letzten 20 Minuten zu Fuss nach Mezzenile, wo ich in einer riesigen Wohnung in einem sehr grossen Haus mit Tennisplatz – irgendwie schräg, aber tip top – übernachte.


Ein kleiner Spaziergang durch’s Dorf, eine grosse Kirche, um deren Turm die Felsenschwalben Insekten jagen, das Castello dei Conti Francesetti, wo alte Fotografien an den dicken Mauern ausgestellt sind, ein hübscher Nucleo und ein bisschen Leben. Auf dem Balkon noch etwas essen und dann in’s Bett. Trotz der übertriebenen Aussenbeleuchtung schlafe ich erstaunlich gut.

Montag, 15. September 2025, Mezzenile – Ceres – Monterosso – Valle Crosiasse – Colle d’Attía

Im ersten Morgenlicht breche ich auf. Der Rucksack, bepackt mit allem, was man so braucht, inklusive Essen für eine Woche, wiegt einen guten Viertel meines Körpergewichts. Wie immer bin ich en autonomie unterwegs, und diese Unabhängigkeit will halt verdient sein.
Auf der Talmulattiera wandere ich gemütlich bis nach Ceres, welches nach überqueren der alten Steinbrücke über die Stura di Ala erreicht wird.

Hier befinde ich mich bereits tiefer in den Bergen, was sich auch im Baustil niederschlägt. Die meisten Dächer sind im typischen Zickzackmuster mit grossen Steinplatten gedeckt.

Auf der kleinen Piazza erwacht das Leben, überall Gemüsegärten, in einer kleinen Schreinerwerkstatt sind zwei Männer in aller Ruhe mit ihrer Arbeit beschäftigt, ohne störenden Maschinenlärm wie in grösseren Betrieben, fast wie einst.

Markierungen weisen mir den Weg durchs Dorf und weiter zur Mulattiera. In Italien ist es üblich, dass jeder Weg mit einer Nummer versehen ist. Auf den Wegweisern ist zudem jeweils die Höhe in Metern über Meer der Destination angegeben. Unterwegs malt immer mal wieder jemand die Wegnummer auf einen Stein oder einen Baum. Ich liebe dieses sehr klare und eindeutige System.
Sonnenhalb wandere ich durch schöne Buchen-Lindenwälder, Kastanien wachsen hier bis auf
1200 m.ü.M., ab und zu Lärchen, Birken und Elsbeeren. Dank der vergangenen Regenfälle spriessen die Pilze, neben einigen Fliegenpilzen und recht vielen Knollenblätterpilzen sind es vor allem die unglaublich vielen Parasole, deren Hüte manchmal so gross sind wie Essteller, die es mir angetan haben. So etwas habe ich noch nie gesehen!

Allenthalben schwätzen die Kleiber, gefühlt scheint hier jedes Revier besetzt zu sein. Wie schön! Wo doch der Vogel bei uns schon fast selten geworden ist….

Langsam machen die Wolken der Sonne Platz, was auch gleich die Mauereidechsen, wovon ein sehr grosser Anteil diesjähriger Jungtiere, sowie zahlreiche Schmetterlinge hervorlockt. Neben Bläulingen, Mauerfüchsen, Scheckenfaltern und Heufaltern freue ich mich vor allem über den hier sehr häufigen Grossen Waldportier. Ein fast 10 cm langer, roter Hundertfüssler bewegt sich langsam über den Weg, ebenso viele Bärenraupen und die eindrücklich grossen, bepelzten Raupen des Eichenspinners. Und sooo viele Heugümper!
Das Vallone di Crosiasse mit seinen roten Felszacken und der fantastischen Mulattiera am Taleingang, mit Stützmauern ober- und unterhalb des Weges, ist der landschaftliche Höhepunkt dieses Tages.

Wild, einsam, steil, der Weg von der mannshohen Vegetation schon fast zurückerobert, gibt es mir einen Vorgeschmack auf die kommenden Tage.
Hauptsächlich aus zwei Gründen habe ich mir die vorderen Talhälften für meine Tour ausgesucht. Erstens ist mir auf der gta (Grande Traversata delle Alpi), welche vor allem durch die hinteren Talhälften führt, zu viel Betrieb und, zweitens, kann auf den hohen Pässen der Talabschlüsse im September bereits wieder der erste Schnee liegen. Der Preis für die von mir so sehr gesuchte Einsamkeit sind weniger gut unterhaltene und markierte Wege, oft sogar bin ich weglos unterwegs und manchmal halt auch in dichter und hoher Vegetation.
Ein paar Mal muss der Rio di Crosiasse überquert werden, was aber bei niedrigem Wasserstand kein Problem ist. Das Wasser scheint mir sehr nährstoffreich zu sein, da oben müssen sich bestossenen Alpen befinden. Wie die Tiere wohl da heraufgekommen sind? Sicher nicht auf diesem Weg…. Entsprechende Vorsicht ist beim Trinkwasser fassen erforderlich, eine Magenverstimmung lohnt sich nicht!

Dann langsam weitet sich das enge Tal, die Wolken werden wieder dichter, zusammen mit den letzten Sonnenstrahlen mache ich eine kurze Verpflegungspause, bevor es über die weiten und nur noch sehr spärlich mit Wegzeichen und Ometti markierten Alpi di Fugias, Pian Peccio und Crosiasse hinauf zum Colle d’Attía geht. Der aufziehende Nebel, für welchen die Lanzotäler berüchtigt sind, macht die Orientierung zeitweise nicht einfacher, zumal nicht von Anfang an klar ist, welche Lücke nun mein Pass ist.

Am Waldrand weiden ein paar Hirsche, und auf den weiten Alpweiden grosse Kuh- und Rinderherden. Langsam machen die Weiden einer steinigeren Landschaft mit Grünerlen, Alpenrosen und Lärchen Platz, es wird steiler und windiger, noch ein letztes Grüppchen Rinder, dann bin ich alleine auf den letzten paar hundert Höhenmetern zum Pass, wo ich den perfekten Biwakplatz finde. Zwei halbwegs ebene Quadratmeter, rundum steile Flanken und Bergspitzen und unter, und manchmal auch um mich, das Nebelmeer. Was für ein Land!

Dienstag, 16. September 2025, Colle d’Attía – Alpe d’Attía – Pian d’Attía – Ala di Stura – Alpe Sapè – Alpe Lusignetto Est – Alpe Colau – Lago Lusignetto

Nach ein paar kurzen Regenschauern nach dem Eindunkeln klart es auf, Sterne, Milchstrasse, irgendwann die schmale Mondsichel. Die ganze Nacht röhren die Hirsche, und frühmorgens ist auch die Gemse wieder da, welche schon gestern Abend an der steilen Flanke geweidet und danach geruht hat. Ein Turmfalke jagt. Im Osten färbt sich der Himmel rot.

Die Nacht war mild, trotz des starken Windes, und es ist kein Tau gefallen. Der Nebel hat sich aufgelöst, und tief unter mir kann ich die Alpe d’Attía sehen.

Wie jeden Morgen, wenn ich auf Tour bin, halte ich einen Moment inne, bevor ich mich auf den Weg mache.

Ein erstaunlich guter Weg, auf welchem offensichtlich auch die Kühe und Rinder auf die Alpen gekommen sind, führt hinunter nach Ala di Stura.

Zuerst die steile, gelbgrasige Flanke zur Alp, danach die sanft geneigte Ebene und anschliessend ein wunderschöner Bergbuchenwald mit frisch spriessenden, makellosen Steinpilzen.

Über ein paar Monti, auf einem davon hat ein Imker sein gutes Dutzend Bienenstöcke aufgestellt, damit die Bienen die Efeutracht nutzen können, geht es auf alten Wegen bis hinunter in’s Val d’Ala.

Nach einem kurzen Stückchen auf der Talstrasse bin ich auf der Piazza von Ala di Stura, wo es neben ein paar Geschäften sogar eine kleine Primarschule gibt. Ein paar Leute sitzen vor der Osteria und trinken einen Kaffee. Dorfleben findet hier noch statt.

Im kleinen Laden decke ich mich mit verschiedenen lokalen Käsesorten für die nächsten Tage ein; dies hier ist die einzige Einkaufsmöglichkeit bis in’s Valle Susa. Zwei grosse Nektarinen und frisches Wasser vom Dorfbrunnen, kurz das Handy einschalten, um nach Hause zu schreiben und den Wetterbericht zu checken (nach wie vor unverändert, bis Freitag sollte es so bleiben, ab Samstag sind erste Gewitter angesagt), dann geht es weiter. Ziel für heute ist der Lago Lusignetto, womit ca. 1000 Höhenmeter zu bewältigen sind. Eigentlich nicht viel, aber der «Weg» hat es in sich….
Nach der Brücke über den Fluss führt der Weg Nr. 211 noch ein Weilchen auf der Forststrasse, danach geht es auf gutem, breitem Pfad in angenehmer Steigung durch einen schönen, pilzigen Buchenwald bergauf bis zur nicht mehr bestossenen, verfallenden Alpe Sapé. Ein paar umgestürzte Bäume in einem Bachtobel verwirren mich kurz, bis ich nach einer kleinen Kraxelei wieder auf dem Weg bin.

Langsam werden die Buchen weniger, Birken, Elsbeeren, Ahorn und später Lärchen nehmen ihren Platz ein. Immer mal wieder finde ich ein paar köstlich-süsse Himbeeren.
Die Alpe Lusignetto Est, welche ebenfalls langsam verfällt, besteht aus ein paar wunderschönen, mit lichtem Lärchenwald und von grossen Massi durchsetzten, einem Bach durchzogenen Ebenen, wo einige Rinder weiden. Die Wegfindung ist hier definitiv dem Bauchgefühl überlassen.

Im Wald bis zur Alpe Colau, deren Cascine ebenfalls von der Natur zurückgeholt werden, ist der Weg wieder besser markiert, aber man muss immer noch Obacht geben, die Spur nicht zu verlieren.

Der Schlussaufstieg zum See ist landschaftlich wunderschön, raue, wilde und einsame Berge, hie und da eine Gemse, Alpendohlen, Rotschwänzchen und Bergpieper, rote Heidelbeer- und Rauschbeersträuchlein, knorrige Lärchen, eine kleine Ebene, durch die ein Murmelbächlein mit einer beachtlichen Forellenpopulation mäandriert, eine stark verblockte Halde, welche quasi als Damm für den See fungiert. Mit einem dicken, schwarzen Schlauch wird Trinkwasser aus dem See gezapft.

Dieser letzte Abschnitt durch die hohe, dichte Vegetation ist eine Plage. Grünerlen! Ich hasse diese Pflanze! Wie oft schon hat sie mir das Leben schwer gemacht oder mich gar zum Umkehren gezwungen, weil die Sträucher den Weg im steilen Gelände dermassen zugewuchert haben, dass durch die oft waagrecht zum Hang wachsenden Stämmchen kein Durchkommen mehr war…. Ausser man wollte das Risiko eingehen, viele Hundert Meter abzustürzen…. Das letzte Mal vergangenes Jahr in den Alpi Orobie. Dabei wären Ziegen die perfekte Lösung. Sie sind die einzigen Haustiere, die die Erlenblätter mögen, und der konstante Verbiss bringt die Sträucher irgendwann zum Absterben. Jedoch sind Ziegen gescheite, eigenwillige und freiheitsliebende Ausbruchskünstler, machen viel Arbeit und bringen nicht viel Geld – aber gibt es etwas Besseres als Geissenmilch und Geisskäse!


Als ich nach 11 Stunden auf den Beinen endlich am See ankomme, bin ich froh, dass ich den schweren Rucksack ablegen und mir ein Plätzchen für die Nacht suchen kann. Keine Menschenseele hier oben, dafür ein paar Gemsen, Murmeli und der König der Lüfte, der Steinadler, der sich nach einem kurzen Rundflug auf dem Grat oberhalb des Sees niederlässt.
Ein unangenehm kalter Wind vertreibt mir die Lust am schwimmen, vielleicht morgen früh…

Da der See keinen sichtbaren In- oder Outlet hat, muss ich mein Wasser im See holen, aber wenn hier sogar Trinkwasser gezapft wird, kann die Qualität so schlecht nicht sein. Und die Kühe sind auch schon weg. Windgeschützt vor meinem Zelt, geniesse ich bei Menue 1, Darvida, Käse, Trockenfleisch, Trockenfrüchte, Nüsse und Schokolade, den Ausblick, notiere meine Erlebnisse und schlüpfe dann in die wärmenden Daunen.

Mittwoch, 17. September 2025, Lago Lusignetto – Colle del Lago di Viana – Lago Pane – Lago Lungo – Laghi Mazzucchini – Lago Grande

Nach einer windigen Nacht, in der ich froh war um das schützende Zelt, nehme ich es heute Morgen gemütlich. Nach einem Morgenschwumm im nun glatt daliegenden See, in welchem sich die umliegenden Berge perfekt spiegeln, geniesse ich mein mit den gestern Abend gesammelten Heidelbeeren verfeinertes Müesli, schaue den am Gegenhang grasenden Gemsen zu und lasse diese absolute, wunderbare Ruhe von mir Besitz ergreifen.
Heute möchte ich die Seenlandschaft mit den Laghi Mazzucchini – oder Laghi Ovarda, wie sie auch genannt werden –  erkunden, wodurch mir quasi ein Pausentag mit nur wenigen Höhenmetern bevorsteht.


Auf dem kurzen Aufstieg zum Colle del Lago di Viana begegnet mir die einzige (!) Wanderin der gesamten Tour. Auf der Alpe Vallonetto, unterhalb des Passes, sömmert, neben den üblichen Rindern, eine Pferdeherde, lauter Füchse.

Da sich der Nebel vorübergehend Richtung Torino verzogen hat, öffnet sich eine weite Landschaft, im Süden sehe ich heute erstmals wieder die alles überragende Pyramide des Monviso, im Norden dominiert der wuchtige, schneebedeckte Gipfel des Gran Paradiso das Panorama, und in nordöstlicher Richtung zeigt sich mein Liebling, der Monte Rosa. Wie oft schon hat er mich auf meinen Touren begleitet. Alle drei Bergriesen tragen heute keinen Hut, immer ein gutes Zeichen, dann hält das Wetter. Am Lago di Viana, unverkennbar mit seiner Insel, gilt es kurz in die Karte zu schauen und mit dem Fernglas eine mögliche Route zu finden, da es bis zum Lago Lungo, welchen man zwar auch über den Passo Veilet erreichen könnte, keinen Weg gibt. Bis zum kleinen, hübschen Lago Pane, wo noch ein kleines Wollgraswieslein blüht, ist es ziemlich klar.

Über dem Seelein lehne ich den Rucksack an einen Felsen, rekognoszieren geht leichter ohne Gepäck, und finde dann beim Abstieg die optimale Spur. Zudem weist hin und wieder mal ein kleiner Ometto an den entsprechenden Schlüsselstellen den Weg über das karge Hochplateau nördlich des Ciarm del Prete. Oberhalb des Lago Lungo zieht von jetzt auf plötzlich dichter Nebel auf, und die Sichtweite beträgt zeitweise keine 50 Meter mehr. Da bleibt nur warten und hoffen und ein paar Trockenfrüchte essen …. Vielleicht habe ich ja Glück, und der Nebel verzieht sich wieder. In der undurchdringlich-grauen Suppe macht das Wandern und Entdecken keinen Sinn, erstens sieht man nichts von der phantastischen Landschaft, und die Wegfindung wird dann definitiv zu Herausforderung.

Und das Glück ist mir tatsächlich hold, nach einer sehr ausgedehnten Mittagspause ist der Spuk vorbei. Die nächsten paar Stunden sind pures Entzücken, angefangen bei der atemberaubend schönen, kargen, wilden, an Ladakh erinnernden Landschaft, der unglaublichen Aussicht in alle Himmelsrichtungen bis hin zur Balisage. Wer auch immer die zahlreichen Ometti gesetzt hat, hat ein enormes Gespür für Dramatik und, so meine ich, Kunst und hat die Landschaft regelrecht in Szene gesetzt. Diese kreative Seele hat nicht nur die bizarrsten und am markantesten geformten Steine in diesem steinreichen Land ausgesucht und manchmal mit roter und weisser Farbe bemalt, sondern sie jeweils auch noch an einem Punkt gesetzt, wo sie ihre maximale Wirkung entfalten können. Man nennt so was glaube ich Land Art. Ich bin hin und weg und geniesse jeden Schritt.
Mit über 2400 m.ü.M. erreiche ich auf diesem kleinen Plateau mit seinen bunt gefärbten Steinen und Felsen und nur wenigen ausdauernden Pflanzen den höchsten Punkt meiner Tour.

Durch die Lücke des Passo Mazzucchini wirkt der wuchtige Gran Paradiso zum Greifen nah, weiter unten schimmern türkisblau die beiden Laghi di Mazzucchini. Eigentlich ein perfekter Biwakplatz, aber da morgen wieder Schluss ist mit geruhsam, möchte ich noch ein paar Höhenmeter hinter mich bringen.

Der Abstieg zum Lago Grande – ich verpasse doch tatsächlich und ausgerechnet hier, die Markierung zum Weg, welchen ich zuvor noch mit dem Fernglas ausgekundschaftet habe – hat es in sich, ziemlich sacksteil und, natürlich, wieder off-trail. Unten auf dem Wegweiser am Lago Grande steht EE, die Abkürzung für Escursionisti Esperti, nach SAC-Skala ein T4. Schon beinahe bin ich ein bisschen stolz, dass ich das unterdessen kann, sogar mit schwerem Rucksack. Grosses Dankeschön, Linus, dass du mich vor zwei Wochen mit über den Nädliger genommen hast, blau-weiss, T4, das hat mir den noch nötigen Boden für diese Tour gegeben.
Rund um den Lago Grande wurden Schafe gesömmert, und die weite, nun goldgelb leuchtende Wiese hat den Charakter eines riesigen Fussballplatzes, grâce à la la petite herbe de brebis! Auf einer kleinen Anhöhe über dem See richte ich meinen Schlafplatz ein, heute unter den Sternen. Es ist windstill, das Wetter hält.

Am Seeufer, wo das Wasser etwas wärmer ist, tummeln sich hunderte von Kaulquappen. Sie werden die Metamorphose dieses Jahr jedoch kaum schaffen und als Quappen überwintern. Der See, auf gut 2200 m.ü.M. gelegen, ist gross und tief genug, um im Winter nicht durchzufrieren, das würden auch die Forellen nicht überleben. Zum zweiten Mal am heutigen Tag ist schwimmen angesagt. Sooo schön, und es tut sooo gut. Da ja eh kein Mensch hier ist, kann ich mich, füdliblutt wie Mutter Natur mich gemacht hat, von Sonne und Luft trocknen lassen.


Bis zum Einnachten bleibt noch ein bisschen Zeit, um das erste Wegstück für morgen zu rekognoszieren. Man kann oberhalb und entlang des Lago Piccolo zur Alpe Ovarda wandern. Da der untere Weg wieder als EE ausgeschildert und für meinen Geschmack doch eher zu exponiert ist, wähle ich den oberen Weg. Weiter vorne auf dem Grat kann ich vier junge Steinböcke wunderschön beobachten. Ob sie vielleicht die selben Urmütter und Urväter haben wie die Tiere, welche wir unterhalb des Nädligers gesehen haben? Eine kleine Gruppe dieses emblematischen Wappentiers der Alpen wurde ja vor über hundert Jahren aus dem privaten Jagdrevier des Königs Vittorio Emmanuele um den Gran Paradiso regelrecht gekidnappt und in einer Nacht- und Nebelaktion in den St.Galler Wildpark Peter und Paul gebracht.
Es ist schon fast dunkel, als vom benachbarten Lago Blu die Rufe eines Trupps Limikolen ertönen, wahrscheinlich sucht sich jedes sein Plätzchen für die Nacht. In der Morgendämmerung wiederholt sich das kleine Konzert.
Ich esse noch etwas Weniges, notiere die tiefen, unvergesslichen Eindrücke dieses Tages und lege mich dann unter’s Himmelszelt. Man muss zwar schon ein bisschen schlafen, aber die zahllosen Sterne, die Sternschnuppen und die Milchstrasse könnte ich die ganze Nacht anschauen. Why opt for a five-star hotel if you can sleep under amillion stars!

Donnerstag, 18. September 2025, Lago Grande – Alpe Ovarda – Inversigni – Case Ciampermà – Piazzette – Alpe le Frere

Immer noch verzaubert von der mondlosen Biwaknacht, geniesse ich in der magischen Morgenstimmung mein Müesli, auch heute wieder mit frischen Heidelbeeren. Von der Ebene her kriecht erneut der Nebel in den Talboden, der mich aber hier oben nicht anficht.

Auf erneut gut markiertem Pfad wandert es sich, langsam angenehm an Höhe verlierend, via Pian Gioco – man könnte hier wirklich Fussball spielen! – zur Alpe Ovarda.

Rundum werden die Tierherden von ihren Hirten auf die Tagesweiden geführt. Am besten gefallen mir natürlich die Ziegen mit ihren eindrücklichen Hörnern, fast wie Steinböcke. Die bunte Herde der lokalen Capra Grigia delle Valli di Lanzo macht sich als erstes über die Grünerlen her, bravissima!


Nach einem kurzen Stückchen auf der Alpstrasse führt der Wanderweg, immer noch gut markiert, auf der alten Mulattiera durch lichten Birkenmisch- und dann Buchenwald bis hinunter zur Capella San Bartolomeo und weiter nach Inversigni, wo bei einem Brunnen ein dünner Wasserstrahl aus dem Rohr fliesst und ich meine Vorräte auffüllen kann. Hier stösst er auf den Trek Calcante. Diese Route, welche von Lanzo Torinese rund um die Uja Calcante bis zum Lago Malciaussia zuhinterst im Valle di Viù führt, wurde vom CAI Lanzo auf dem historischen Talweg und, im oberen Talabschnitt, auf dem Trassée der Ferrovia Decauville, welche vor über 100 Jahren zwecks Materialtransport für die damals erbauten Wasserkraftwerke angelegt wurde, teilweise wieder instandgesetzt und markiert.
Anfangs ist der Weg noch breit, dann wird er zunehmend schmaler, das Gelände ist steil, an der einen oder anderen Stelle rutscht man besser nicht aus. Der Nebel, der sich zwischenzeitlich wieder zurückgezogen hat, hat kühlere Luft aus der Ebene gebracht, daher suche ich mir für die Mittagspause ein sonniges Plätzchen im wunderschönen Buchenmischwald, 400 Meter unterhalb lugen die Steindächer des kompakten Dörfchens Chiampetto aus dem Waldpelz.
Als sich plötzlich ein lautes Rascheln nähert, bin ich überzeugt, dass dies ein Wildschwein sein muss. Fernglas schnappen, leise aufstehen …. und ein alter Mann biegt um die Ecke. Er sucht seine Schwester, die etwas früher aufgebrochen ist, und als ich ihm versichern kann, dass mir bei Inversigni eine ältere Frau begegnet ist, zieht er erleichtert von dannen. Trotz seiner vielen Jahrringe, es dürften an die 80 sein, bewegt er sich mit der Sicherheit eines Berglers, der hier wohl sein ganzes Leben verbracht hat.
Auf halbem Weg nach San Desiderio liegt Ciampertà. Das Dörflein, auf einer ebeneren Fläche an einem Bach gelegen, wird langsam vom Wald zurückgeholt. Ackerterrassen, Kastanienbäume, ein steinerner Brunnentrog zeugen noch von den einstigen Bewohnern. Wie wohl ihr Leben aussah? Einmal mehr würde ich gerne eine Zeitreise machen, Mäuschen sein, zuschauen.
In stetigem, auch öfter mal steilem, Konzentration erfordernden Auf und Ab geht es durch den einsamen Bergwald bis zur Capella San Desiderio. Kleiber, Schwarzspecht, Gemsen, Pilze, süsse Bromberen, wunderschön. Eigentlich hätte ich hier schon übernachten können, aber erstens hat es kein Wasser, und irgendwie behagt mir der Platz nicht. Also weiter. In Piazzette schalte ich kurz mein Handy ein, Wetterbericht checken, ein Lebenszeichen nach Hause senden. Langsam wird es Abend.


Nach Überquerung der Stura di Viù führt ein guter Weg hinauf zur auf 1400 Metern gelegenen Alpe le Frere. Die Kühe sind noch auf den höher gelegenen Weiden, und so ist es ruhig, ich bin mausallein. Unter einer grossen Esche, welche vor dem nun langsam mehr werdenden Tau schützt, finde ich ein schönes Plätzchen für mein Zelt. Die Fledermäuse drehen ihre Runden, Käuzchen und Waldohreule rufen, irgendwo trottet ein grösseres Tier, wohl ein Hirsch, durch den nahen Wald.

Freitag, 19. September 2024, Alpe le Frere – Alpe Menzio – Colle delle Lance – Colle della Portia – Alpe Portia Vecchio – Alpe dell’Adois – Fonte Noitolera – Fontana del Gal

Zum Glück weiss man nie, was der bevorstehende Tag alles für Eseleien im Köcher hat!
Nach dem obligaten Müesli geht es erst mal gemütlich über Alpweiden und Wagenspuren, vorbei an verfallenden Cascine, durch Wäldchen und entlang von Hecken sanft bergan zur Alpe Menzio. Die ersten Sonnenstrahlen tauchen die Landschaft in dieses unvergleichliche Licht, welches nur der Herbst im Repertoire hat. Die riesigen Ebereschen färben sich gelb-orange-goldbraun, ihre orangeroten Beeren leuchten.

Und erst die Hagebutten! So viele Rosa canina Arten, und jede Spezies hat ihre individuell geformten Früchte, einige rund und dick, andere lang mit schwarzen Härchen, aber alle strahlen sie in tiefstem Rot, wunderschön!

Während ich so, tagträumend und verzaubert von diesem Farbenspiel, einen Schuh vor den anderen setze, macht es plötzlich plopp neben mir…. der eine Wanderstock ist futsch, das Kabel innendrin ist gerissen. Oh weh, das kann ich nun wirklich nicht gebrauchen! Glücklicherweise befinde ich mich noch unterhalb der Waldgrenze, und so muss ein junger Ahorn anderthalb Meter seiner Spitze opfern, um mir heute und morgen Halt zu geben. Darum und auch sowieso, immer ein Sackmesser dabeihaben!
Auf der hübschen Alpe Menzio, wo sich, neben dem kleinen Skigebiet, auch ein Agriturismo befindet, kann ich meine Wasserbeutel auffüllen. Weglos, und um die hässliche Winterinfrastruktur möglichst schnell hinter mich zu bringen, steige ich direkt über die vollkommen überweidete und von den Pistenfahrzeugen verdichtete  – die nun vertrockneten Affodillstängel legen beredtes Zeugnis davon ab  – braune Kuhweide hoch zu den Speicherseen für die Schneekanonen. Direkt über mir erhebt sich die Punta Lunella über den goldgelben Lärchen in den Himmel. Hier würde auch ein Weg drüber führen, aber mit dem grossen Rucksack muss das nicht unbedingt sein. Daher biege ich links ab, Richtung Punta Grifone. Es gilt, zwei Pässe zu überwinden. Auf der Karte sieht das spannend und einsam aus, und ich freue mich, nun der Zivilisation nochmals für ein Weilchen den Rücken kehren zu können. Aber weit gefehlt! Eine hässliche Wunde klafft im Hang. Auf den Colle delle Lance hinauf wird eine neue Skipiste gebaut, der Caterpillar Bagger steht noch da, der Wanderweg ist kaputt, und die Landschaft auch, hier will kein Raufusshuhn mehr wohnen, und es ist vielleicht ganz gut, dass niemand mich fluchen hört.

Wie kann man nur so dumm und blind sein, im Jahr 2025 auf nicht mal 2000 Metern Höhe in den Südalpen ein Skigebiet zu erweitern! Da bleibt nur noch verständnisloses Kopfschütteln. Stoisch kämpfe ich mich auf der grauschottrigen Hässlichkeit zum Pass, weglos wäre wegen der Latschenkiefern und, ja, der Grünerlen noch mühsamer. Dann endlich habe ich es hinter mir.

In einem weiten Bogen und immer schön auf und ab wird der malerische Talkessel der Sagna del Vallone umrundet. Kleine Hangmoore mit letztem blühendem Wollgras, goldene Lärchen, purpurrote Heidelbeer- und Rauschbeersträucher, ein jagender Turmfalke, und riesige, wunderbar süsse Heidelbeeren, die ich mir handvollweise in den Mund schiebe, versöhnen mich wieder.

Die Kühe haben die hohen Weiden hier bereits verlassen, wohl auch deshalb, weil Wasser rar ist und die Bächlein nur noch tröpfeln. Die Stille ist hörbar. Wie nahe doch Wut und vollkommenes Glück beieinander liegen können. Es währt allerdings nicht sehr lange, dieses vollkommene Glück. Der kurze, steile Aufstieg zum Colle della Portia hat es in sich. Im Land der raren Wegzeichen lernt man zwar Obacht zu geben, aber wenn es keine hat, dann hat es keine…. Dafür Grünerlen, üppig drapiert mit Brennnesseln, gekonnt zwischen grosse Steinblöcke gepflanzt. Schtärnäbitzgi, sonän huerä Chrampf!!

Ziemlich erledigt und durstig komme ich auf dem Pass an, wo ich erst mal den Rucksack in’s gelbe Gras lege und meine Energiereserven ergänze.

Sowohl der Monviso im Süden als auch der Monte Rosa im Norden haben zwischenzeitlich ihr Tenue gewechselt und sich einen grosszügig dimensionierten Wolkenhut aufgesetzt, ein sicheres Zeichen für einen bevorstehenden Wetterwechsel.
Unter mir liegt das weite, im Dunst kaum erkennbare Valle Susa mit seinen ausgedehnten, praktisch baumlosen Alpweiden.

Auf der Karte sind ganz viele, nette rote Linien eingezeichnet. Wer schon einmal eine südamerikanische Strassenkarte aus den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts studiert hat, weiss, wie mir nun zumute ist – zahlreiche Ideen, Projekte und Wünsche ergeben ein dichtes Netz von Strassen und Pisten. Es gibt keine Wege hier oben, und demzufolge auch nur sehr spärliche, fast verblichene Markierungen. Wohl dem, der Karten lesen kann! Immerhin ist das Gelände einfach, Felsriegel und Bachgräben können relativ einfach umgangen werden, und von nun an geht’s bergab.
Auf der Alpe Portia Vecchio, wo gekäst wird, finde ich demzufolge, und endlich, einen Brunnen. Auf solchen Touren wird mir immer und immer wieder hautnah bewusst, welch kostbare und unverzichtbare Ressource das Wasser ist.
Bis zur Alpe Portia Nuovo kann ich dem Fahrsträsschen folgen, dann ist wieder weglos angesagt. Anstatt über die Alpe Praburet steige ich direkt, Felsen und Zäune navigierend, zur Waldgrenze ab. Ein paar Hirten kommen mit einem halben Dutzend Kühen zurück auf die Alp, Melkzeit, zwei Schäfer treiben zusammen mit ihren Hütehunden ihre grosse Herde talwärts. Nun tragen auch die Punta Lunella und die Rocca Patanua Wolkenhüte.
Dann, ein Wegweiser, und ein Schildchen für eine Mountainbikestrecke nach Grange, da muss ich hin! Ich habe mich bereits gefragt, wie ich durch dieses Seitental dorthin kommen werde, angesichts der nicht vorhandenen Pfade. Zwar möchte ich hier nicht velofahren, aber die perfekte Mulattiera hoch über dem Torrente Gravio ist, nach der Sagna del Vallone, das zweite Schoggistückchen dieses Tages. Wunderschöner Mischwald mit Moospolstern, hin und wieder eine, leider fast versiegte, Quelle, ab und zu flötet ein Rotkehlchen, und kurz vor dem Eindunkeln schlüpft eine Äskulapnatter in die Stützmauer in ihren Schlafplatz. Die einzige Schlange auf dieser Tour, und beinahe wäre ich auf sie draufgetreten.
Kurz vor dem Dörflein öffnet sich der Wald, eine grosse Lichtung, ein nicht mehr bewohntes Haus, und ein frisch restaurierter Lavatoio! Hier kann ich übernachten, ein guter Ort, und mit dem Luxus von frischem Wasser. Ich wasche mir das Salz vom Körper und trinke, trinke, trinke…. Essen mag ich nichts mehr. Es ist warm, der Schlafsack dient lediglich als Unterlage. Eigentlich bin ich sogar müde, aber von schlafen kann keine Rede sein. Die ganze Nacht hindurch geben sich die Tiere ein Stelldichein. Waldkäuze und Waldohreulen rufen, auf dem Hausdach über mir spielen die Bilche Rutschbahn, Hirsche besuchen die Lichtung und futtern vom grünen Gras, und zwei Mal kommt Familie Wildschwein grunzend und schnuffelnd zur Kastaniensuche.
Gegen den Morgen hin fahren auf der gegenüberliegenden Talseite laut ratternd und klappernd Viehtransporter zu den Alpen hinauf. Erste Herden, begleitet von Hundegebell, Glockengeläut und Muhen, machen sich zu Huf auf den Weg. Die Tiere müssen in’s Tal, es hat nicht nur kein Futter mehr, der angekündigte Wintereinbruch scheint heftig zu werden.

Samstag, 20. September 2025, Fontana del Gal – Grange – Capella di Prarotto – Miloro – Gerbi – Achit – Falesia Cava – Borgnone Susa – Torino Porta Nuova – Milano Centrale – Lugano – Arth-Goldau – St.Gallen – Freidorf

Die Dämmerung ist noch nicht angebrochen, letzte Sterne blinken am Firmament, Tagwache, Z’Morgen und packen mit Stirnlampe. Vor mir liegen unbekannte Pfade, mehr als 1000 Höhenmeter sowie einiges an Horizontaldistanz. Da ich nicht in Borgnone übernachten möchte, sollte ich noch vor dem Mittag im Tal sein, um es nach Hause zu schaffen.
Im ersten grauen Morgenlicht mache ich mich auf den Weg, von alpin nach mediterran. Perfekt ausgeschilderte, markierte und unterhaltene Weg, viele davon alte Wirtschaftswege, werden mir zum Abschied geschenkt, einfach perfekt, welcher Kontrast zu gestern!
Grange scheint eher Sommerresidenz zu sein, kein Mensch ist zu sehen. Nach halboffenen Weiden mit Nuss- und Obstbäumen, Hecken und Steinmauern tauche ich ein in einen wunderschönen Mischwald mit vielen Pilzen. Mit abnehmender Höhe ändert sich auch die Vegetation. Zuerst Eichenmischwald, danach Pinien, ab 1200 Metern Kastanien, Elsbeeren, Linden und immer mehr mediterrane Sträucher, Thymian, Ginster. Erste Rebberge und Olivenhaine, ein Hase, zahlreiche Schmetterlinge, und es wird je länger, je trockener. Ab und zu ein Monti, verfallende, aber auch noch bewohnte Häuser, ein kurzer Schwatz mit einem alten Mann, der, an seinen alten Fiat gelehnt, über’s Tal blickt, ein herzliches Lachen, von der Sonne braun gebrannt, ein Gesicht voller Falten, wie gemalt. Ein schönes Muli auf einer Weide, es will begrüsst und flattiert werden, sein Bastsattel hängt am Haken unter der Loggia.

Und die genialste Mulattiera ever, fast drei Meter breit, hohe Stützmauern links und rechts, fein säuberlich gepflastert.

Weitwandern, wie es sein muss und fast schon süchtig macht, vom Chrampf bis zum puren Glück, immer wieder wird man belohnt mit kleinen und grossen Highlights, welche einen die kleinen und seltenen Tiefpunkte rasch wieder vergessen lassen. Der Weg Nr. 546 führt bis hinunter zur Hauptstrasse, wo ich meinen treuen Ahorn-Helfer zwecks eventueller Weiterverwendung durch einen anderen Wanderer an den Wegweiser lehne, und um 10 Uhr bin ich am Bahnhof von Borgnone Susa.

Handy einschalten, Billett auf der App lösen; Trainline lässt mich im Stich, dafür klappt es bei Trenitalia, und eine halbe Stunde später sitze ich im Zug nach Torino, wo ich nach Milano umsteigen muss. Die Freccia Rossa war bereits ausgebucht, also reise ich im vollbesetzten Regio Express. Fertig Einsamkeit, aber die Bahn bringt mich pünktlich und ohne Zwischenfälle bis nach St.Gallen. Linus kommt für einen kurzen Schwatz zum Bahnhof, und eine knappe halbe Stunde später noch das letzte Stücklein nach Roggwil-Berg, wo Jean mich abholt.

Epilogo

Der Wetterwechsel kam, mit Wucht und sehr viel Schnee in den Alpen, im Norden wie im Süden. Anschliessend wurden wir mit einem kurzen, dafür umso farbenprächtigeren Indian Summer beschenkt. Die Birnbäume in Mostindien strahlten in den allerschönsten Rot-, Gelb- und Orange-Tönen. Den krönenden Abschluss fand die Bergsaison am Rassegna-Wochenende mit dem Sasso Guidá im Val Morobbia, dem Monte Ghiridone, nochmals blau-weiss, in den Centovalli und am Samstagmorgen dem Besuch der Rassegna d’Autunno in Bellinzona en famille.
Nun, Ende Oktober, fegt der erste Herbststurm über’s Land und weht die bunte Laubpracht von den Bäumen. Wir können uns nun voll in die finalen Vorbereitungen für unsere anstehende, seit bald 40 Jahren im Kopf herumschwirrende Kolumbienreise stürzen.

Grazie mille

Ohne die Unterstützung meiner Familie wären Unternehmungen dieser Art nicht möglich – ein grosses und unendlich herzliches Dankeschön an euch alle!

Leave a Comment