Eqalugsugssuit: Zehn Tage Stille in Grönland

Ende August, wenn sich die Saison im hohen Norden dem Ende zuneigt, geht es für mich noch einmal nach Grönland – an den Eqalugsugssuit, einen abgelegenen Fluss an der Westküste. Ein Zeltcamp in der Tundra, lange Wanderungen am Wasser und ein Fluss voller arktischer Saiblinge: keine Strassen, keine Lodges, nur Weite, Stille und die Fliegenrute. Ein Bericht über eine längere Anreise, das Leben im Camp und eine Fischerei, die jeden Tag neue Rätsel aufgibt.

Ein Anruf und ein schneller Entschluss

Mit einer knappen Handvoll Tagen am Wasser in diesem Jahr, wenig Zeit und einigen Einschränkungen half nur noch ein Anruf bei Carsten Dogs: Ergibt sich spontan eine Möglichkeit, ein paar Tage fein zu fischen? Meine Ansprüche sind dabei recht hoch. Ungestörtheit, Landschaft und natürliche Verhältnisse stehen bei mir ganz oben auf der Liste. Und weil meine Seele im hohen Norden ihre optimalen Bedingungen vorfindet, war Carstens Idee so überzeugend, dass Monika die letzten Zweifel, ob ich gehen sollte, mit wenig Aufwand aus dem Weg räumen kann. Es sollte also noch einmal Grönland sein. Ein anderer Fluss, eine andere Landschaft und die späte Reisezeit sollten für genügend Abwechslung sorgen. Arktische Saiblinge in einem klaren Fluss mit der Fliegenrute suchen und fangen: Es gibt schlimmere Ziele für einen wie mich.

Ein neuer Fluss: der Eqalugsugssuit

Das Tal des Eqalugsugssuit ist ein weites Tal im Westen Grönlands. Anders als der Erfalik, an dem ich vor zwei Jahren fischte und der in einen tiefen Fjord mündet, fliesst dieser Fluss weniger spektakulär ins Meer. Die Saiblinge werden hier grösser als am Erfalik und verfärben sich in der Laichzeit orange und nicht tief rot. Was bleibt: Für mich ist der Saibling der wohl schönste Kaltwasser-Salmonide, untrennbar verbunden mit Bildern von Tundra, hohem Norden, Wildnis und Einsamkeit.

Zwischenhalt in Kopenhagen

Die Anreise erfolgt über Kopenhagen, wo ich zwei Tage lang die Stadt am Wasser geniessen und die Vorfreude pflegen kann. Unterwegs bin ich mit einem Mietvelo. Am Reisetag nach Grönland lerne ich die Truppe kennen, mit der ich die nächste Zeit verbringen werde: ein paar Dänen und eine Handvoll Norweger – der Schotte Gordon und ich sind wohl die Exoten. Ich habe ein gutes Gefühl, zumal alle das gleiche Ziel haben und wissen, dass wir in Zelten wohnen und die feinen Stellen am Fluss nur mit etwas Aufwand zu Fuss erreichen werden. Später sollte sich zeigen: Die schönsten Stellen erfordern die längsten Wanderungen, doch die Belohnung ist umso grösser.

Kangerlussuaq: Sonnenschein – und trotzdem kein Weiterflug

Von Kopenhagen fliegen wir nach Kangerlussuaq. Der Flughafen entstand 1941 als amerikanischer Militärstützpunkt im Zweiten Weltkrieg und war jahrzehntelang das wichtigste internationale Drehkreuz der Insel für Grossflugzeuge. Mit seiner drei Kilometer langen Start- und Landebahn war er lange Zeit der einzige Flughafen in Grönland, der grosse Maschinen aus Kopenhagen abfertigen konnte. Er liegt in Westgrönland am Ende des langen Søndre Strømfjord. Diese günstige Lage sorgt für sehr stabiles Wetter und viel weniger Nebel als in den Küstenregionen. Das konnte ich wie vor zwei Jahren auch dieses Mal hautnah erleben: Wir landen bei Sonnenschein und blauem Himmel, doch der Weiterflug nach Sisimiut wird annulliert. Nach längeren Verhandlungen wird unser Gepäck ausgeladen, und Morten kann ein Schiff auftreiben, das in Sisimiut startet und in etwa sechs Stunden bei uns sein soll. Im kleinen Ort decken wir uns mit Essen und Getränken ein – das ersetzt uns das Welcome Dinner im Hotel in Sisimiut.

Im Nebel durch die Schären

Wir verladen unser Gepäck, fahren an den Fjord und stechen in See. Der 160 km lange Fjord ist spektakulär. Bei schönstem Wetter fahren wir an Gletschern und eindrücklichen Bergen vorbei, bis wir die Küste erreichen und den letzten Teil im Nebel zurücklegen. Als Landratte staune ich, wie der Captain ohne Sicht in hohem Tempo durch die inselreiche Küste fährt und sich dabei voll und ganz auf die Instrumente verlässt. Wenn sich der Nebel zwischendurch kurz lichtet, sieht man, wie nahe links und rechts die Klippen und Inselchen sind – die Durchfahrt verlangt höchste Präzision. Nach sechs Stunden erreichen wir gegen 01:30 Uhr den Hafen von Sisimiut und unser Hotel.

Die Fahrt im langen Fjord war ein Genuss, auch wenn es ausserhalb der Kabine sehr kalt war

Kurze Nacht und bei Flut zum Camp

Da wir unser Camp am Fluss nur bei Flut erreichen können, ist das Morgenessen auf 04:00 Uhr angesetzt, die Abfahrt zum Hafen eine Stunde später. Einige Kilometer vor der Mündung laden wir das ganze Gepäck, das Essen und weiteres Material in ein grosses Schlauchboot. Mit einem zweiten Schlauchboot, in dem wir selbst Platz nehmen, schleppen wir das erste ab und tuckern zum Fluss Eqalugsugssuit. Im Fluss angekommen, schleppen wir das ganze Material die steile Uferböschung hinauf und bringen alles ins Zeltcamp, das ein paar hundert Meter flussaufwärts aufgestellt ist. Das Camp wird nach unserem Aufenthalt wieder abgebaut, dann haben der Fluss und die Fische wieder ihre Ruhe. Ich schnappe mir das Zelt ganz am Ende, damit ich einen freien Blick auf den Fluss und das Tal habe.

Der erste Tag am Wasser

Einige Minuten später sind wir bereits rudimentär eingerichtet, umgezogen und wandern in Wathosen und Watschuhen flussaufwärts. Der sehr tiefe Wasserstand bereitet mir Sorge. Alle sind sehr gespannt, ob Saiblinge da sind und ob wir schon am ersten Tag Erfolg haben werden. Beim Wandern gehen mir wohl dieselben Dinge durch den Kopf wie den meisten: Mit welcher Fliege starte ich, stimmt das Vorfach? Ist alles im Rucksack? Wie tief ist das Wasser, wie kalt ist es? Diese Spannung ist überall dieselbe, wenn man an ein neues Gewässer kommt, sei es in den Alpen, in Alaska oder eben auf Grönland. Die Nordländer unserer Gruppe sind alles sehr erfahrene Flyfishermen und haben in diesem Jahr wohl alle mehr als hundert Tage am Wasser verbracht. Es kann also gut sein, dass ich etwas mehr Spannung verspüre als sie. Um es kurz zu machen: Beim Abendessen im Mannschaftszelt sind alle zufrieden, jeder hat gefangen und sich schon etwas an die Verhältnisse gewöhnt.

Leben im Zeltcamp

Allan, unser Koch, hat ein feines und sättigendes Abendessen zubereitet und erklärt kurz das Menü. Wie an jedem Abend fehlt auch am ersten Tag das Dessert nicht. Gegen 21:30 Uhr wollen alle nur noch ins Zelt und schlafen. Es ist Ende August, die Nächte werden also dunkler, die Stirnlampe brauche ich jedoch nicht, um meinen Schlafsack zu finden. Zur Reisevorbereitung gehörte auch ein guter Schlafsack, denn die Nächte sind recht kalt. Am frühen Morgen gibt es bereits Bodenfrost, und frierend in die Fischerkleidung zu steigen, wäre ein schlechter Start in den Tag.

Dieser junge Polarfuchs hat uns immer wieder besucht. Die anderen beiden Welpen gehorchten der Mutter

Kalte Morgen, warme Nachmittage

Der Wetterverlauf sollte die ganze Zeit gleich bleiben: kalte und trockene Vormittage, gegen Mittag wärmt die Sonne das Tal auf und wir können Schicht um Schicht ablegen. Auf der Wanderung zurück ins Camp ist es am Abend mild und warm, bevor die abgelegten Kleider dann gerne wieder Schicht um Schicht angezogen werden. Dazu ein heisser Kaffee – carpe diem! Die mehr oder weniger langen Wanderungen am Fluss sorgen am Ende des Tages für Hunger und nach einer feinen Fischerei für grosse Zufriedenheit. In den folgenden Tagen stellen wir fest, dass das tägliche Aufwärmen des Tals den Verlauf der Fischerei beeinflusst. Deshalb verschieben wir das Morgenessen um eine Stunde nach vorne, und die meisten verlängern die Mittagspause am Fluss. Wir fischen maximal zu zweit in Sichtweite. Nach dem Morgenessen belegt sich jeder am gut gedeckten Tisch ein paar Sandwiches und packt Früchte ein. Zum Mitnehmen stehen auch kleine Gaskocher zur Verfügung. Wer einen einpackt, muss so nicht einmal auf den Kaffee verzichten.

Die Fischerei: jeder Tag ein neues Rätsel

Die Fischerei war spannend, der Fischreichtum unglaublich. Es gab Pools mit sehr vielen Fischen. Trotz der fortgeschrittenen Saison stiegen jeden Tag frische Saiblinge vom Meer auf; mit ihrer silbrigen Farbe fielen sie sofort auf. Die frisch aufgestiegenen Fische brachten immer wieder Unruhe in die Pools. Der Tagesverlauf des Wetters und der Aufstiegstrieb der Fische bei einem sehr niedrigen Wasserstand zwangen uns, die Taktik immer wieder zu ändern. Eine Fliege funktionierte zwei Stunden lang perfekt, dann ging gar nichts mehr. Eine andere Fliege, höher, tiefer, schneller: Alles musste ausprobiert werden, bis man wieder Erfolg hatte.

Für mich war oft eine kleine grüne Copperhead-Nymphe der Schlüssel zum Erfolg. Auch die spärlich gebundene Five Hair Fly war immer wieder erfolgreich. Die klassischen pinken Streamer waren am Anfang ziemlich zuverlässig, wurden mit der Zeit aber von den meisten immer seltener eingesetzt. Mit ihnen konnte man auch Pech haben: Man hakte zwar im Minutentakt Saiblinge, aber fast nur kleine Fische.

Viel Platz für alle – und Sicherheit im oberen Tal

All dies führte dazu, dass ein Pool, der heute einfach perfekt war, am Folgetag fast ein Ausfall sein konnte. So war aber gewährleistet, dass keiner der Fischer am Morgen loszog und «seinen» Pool in Beschlag nahm. Zudem sprach Morten jeweils am Vorabend nach dem Essen mit uns ab, wer am nächsten Tag etwa wo startet. In den obersten Teil des Tals ging zudem immer Morten oder Simon mit. Weil sich das Tal dort in vier Richtungen öffnet, wäre ein Unfall oder Missgeschick ungleich heikler: Die Suche nach jemanden, der sich verletzt oder die Orientierung verloren hat, wäre dort aufwändig. Diese abendliche Abstimmung war nicht strikt, führte aber dazu, dass jeder viel Luft und Platz hatte und sich nicht alle am vermeintlich besten Pool aufhielten. Zudem gab die grosse Zahl an Fischen wohl jedem die Zuversicht, dass es so oder so reicht. Eine Flaute von zwei Stunden um die Mittagszeit nahm deshalb nach ein paar Tagen jeder sehr gelassen hin. So genossen wir die Tage in immer wechselnden Konstellationen und Bedingungen.

Der perfekte Abschlusstag – Danke Morten!

Am vorletzten Abend bildete sich eine Gruppe, die den langen Weg zum obersten See auf sich nehmen wollte. Morten wollte Allan, ein guter Freund von ihm, dabeihaben. Gordon mit seinem guten Humor und ich sollten ebenfalls dabei sein. Mit etwas Geschick gelang ihm dies gut. Gordon und ich starteten etwas früher, die anderen beiden folgten uns, sobald Allans Arbeit im Camp erledigt war. Wir erlebten einen Traumtag. Es war mild und Morten empfahl eine andere Stelle am See, bei der man mit der Morgensonne im Rücken die grossen Saiblinge auf Sicht befischen konnte. Das waren magische Momente, wenn ein grosser Fisch deiner kleinen Nymphe nachjagt und erst kurz vor dir entscheidet, sie nicht zu nehmen. Oder eben sie packte. Dann war es an einer 6er Rute ein Vergnügen, das mit dem Keschern endete. Oder aber der Fisch konnte sich befreien und man suchte den nächsten kapitalen Fisch, dem man die Fliege möglichst optimal vorsetzte. Morten gab Tipps und stellte sich als Fotograf zur Verfügung. Nach einiger Zeit häuften sich die Fehlbisse. Da wir alle gut gefangen hatten und das Wasser doch sehr kalt war, war eine längere Pause angesagt.

Abschied im ersten Regen

Abholung am Fluss bei Flut. Am Abreisetag regnet es zum ersten Mal

Weniger ist mehr: die Stille der Tundra

Wer Alaska oder andere Orte im Norden kennt, ist im ersten Moment vielleicht erstaunt, dass ein Fluss mit nur einer Fischart ebenfalls interessant sein kann. Zudem ist die Tundra landschaftlich wunderschön, und man kann ein paar Rentiere, Moschusochsen, einen Seeadler oder einen Loon (Eistaucher) sehen. Im Vergleich zu Nordamerika, wo Braunbären am Wasser stehen können, mehrere Fischarten im selben Gewässer leben und Dutzende von Weisskopfseeadlern und anderen Vogelarten zu sehen sind, ist die Tierwelt in Grönland abseits der Küste eher bescheiden. Aber gerade diese unberührte Landschaft, verbunden mit den Wanderungen dem Fluss entlang, war für mich die perfekte Mischung, um abzuschalten und mich auf wenige Dinge zu konzentrieren. Keine Strassen, keine Flugzeuge am Himmel, keine Fishing Lodges am Fluss, keinerlei Abfall und keine anderen Zeichen, dass hier Menschen unterwegs sind – ausser in den paar Wochen, in denen die Saiblinge vom Meer in den Fluss aufsteigen. Ein Privileg, das hoffentlich jeder schätzt, der hier sein darf.

Ein Wermutstropfen bleibt. Wer so reist, abgeschieden in einem Camp, fernab jeder Siedlung, kommt mit den Menschen im Land kaum in Kontakt, und in Grönland gilt das wohl ganz besonders. So erfährt man nur wenig über ihr Leben. Gerne hätte ich auch gewusst, welche Geschichten sich hinter den vier Gräbern am unteren Flussabschnitt verbergen.

Beim Farewell Dinner im Hotel in Sisimiut bestelle ich an der Bar beim einheimischen Barman ein Glas Weisswein. Was ich denn wolle, fragt er. Mit einem Augenzwinkern antworte ich: nicht zu süss und gerne etwas Regionales. Akribisch und für jeden gut sichtbar poliert er ein Weinglas. Danach reicht er mir ein gut gefülltes Glas und sagt mit einem breiten Smile: «Pinot Grigio, locally imported. Enjoy!»


Gut zu wissen

Für Beratung und Organisation sind Carsten Dogs von Pukka Destinations und Morten Have Hansen von Getaway Flyfishing die Spezialisten. Besonders empfehlen kann ich ihre perfekten Checklisten und die sorgfältigen Abklärungen im Vorfeld. Morten war zudem selbst im Camp, hat dort alles organisiert und überall mit angepackt.

Das Fotografieren von Fischern mit ihrem Fang ist ein kontroverses Thema, und auch von mir findet man nicht viele solcher Bilder. Manchmal ist ein Foto aber eine schöne Erinnerung an ein besonderes Erlebnis. Dafür halten wir uns strikt an folgenden Ablauf: Der Fisch bleibt im Wasser und kann normal atmen, das Wasser trägt sein Gewicht. In dieser Zeit wird die Kamera vorbereitet, Hintergrund und Licht werden besprochen. Ist alles bereit, heben wir den Fisch auf ein Zeichen für drei Sekunden an und machen die Bilder. Danach ist er sofort wieder im Wasser. Sind die Bilder gelungen, wird der Fisch freigelassen, sonst wiederholen wir den Ablauf ein einziges Mal. Bin ich allein am Wasser, verzichte ich meistens ganz auf Fotos, denn sie sind ohnehin selten brauchbar.

Catch & Release: Ein kontroverses Thema, für Aussenstehende nicht immer nachvollziehbar. Ich möchte es hier nicht weiter ausführen. Für mich ist klar, dass ich einen Fisch, der für mich wertvoll ist, schonend und unverletzt zurücksetze.

Wer gerne mehr wissen will zur Reise, Ausrüstung oder anderen Themen, kann mich gerne kontaktieren.

Avatar von Hans

Comments

4 Kommentare zu «Eqalugsugssuit: Zehn Tage Stille in Grönland»

  1. Mega coole Bricht häsch gschriebe – sehr interessant

  2. Danke Claudia!
    So wössed ehr wenigschtens, was mer mached, wemmer nöd immer erreichbar sind 😉

  3. Wunderbar zum chli Mtreise din B’richt, wenn me langi Flugreise ned so mag 😉🦋

  4. Avatar von Sabine Gebhardt
    Sabine Gebhardt

    Auch von mir ein herzliches Dankeschön für’s Teilen deiner Eindrücke und Erlebnisse im fernen Norden.

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