Missoula Finish_f600-q80

Run Wild Missoula

Montana runners

Nach einem Überseeflug, der langen (aber schönen) Anfahrt von Calgary nach Missoula, dem Jetlag (zum Glück eher zu unseren Gunsten) und Schlafmangel heisst es um 3:40 Uhr aufstehen. Das nenne ich eine optimale Vorbereitung für den Missoula Marathon, aber was macht das schon, wenn man guter Dinge ist. Ein paar Minuten später essen Linus und ich bereits unser Morgenessen, Monika ist auch schon aus dem Schlafsack gekrochen. Viel essen wir nicht, dennoch bin ich ziemlich entspannt und freue mich auf das Rennen. Monika begleitet uns zu dieser frühen Stunde zum Start; was macht frau nicht alles, um nicht mit dem Ungetüm von Auto (so gross ist der SUV nun auch wieder nicht) fahren, oder, noch schlimmer, einen Parkplatz suchen zu müssen. Nahe beim Ziel finden wir einen Parkplatz (es hat viele). Es ist ganz einfach: Am Marathonwochenende sind alle Parkplätze in der Innenstadt gratis. Und der öV ist im Downtown Bereich, wie in anderen amerikanischen Städten, sowieso kostenlos. Und damit beginnen die Unterschiede zu einem Marathon, wie er beispielsweise in Zürich stattfindet. Unsere Startnummern haben wir bereits am Vortag abgeholt, die Expo fand zeitgleich mit dem Farmersmarket statt. Musik, sonniges Wetter, alles easy und freundlich. Monika schwirrt derweil im Bookshop herum und setzt die günstigen Dollars in spannender lesbares Papier um. Vic Mortimor treffen wir kurz und wechseln ein paar Worte mit ihm. Er freut sich über den kurzen Besuch, hat aber nicht viel Zeit, da er als Renndirektor natürlich etwas unter Strom steht. Mit Vic hatte ich im Vorfeld immer wieder mal gesprochen. Er hat uns mit Tipps versorgt und sich gefreut, dass ’sein‘ Marathon immer beliebter und ein wenig internationaler wird.

Zurück zum Sonntag und zur nächsten Überraschung: Wie bringt man 4000 Läufer an den Start? Dieser ist 13 bzw. 26 Meilen ausserhalb der Stadt. Das ist natürlich reizvoll, da man als Läufer keine Runde(n) laufen muss, sondern einfach von A nach B oder eben rein in die Stadt läuft. Die Lösung: Es stehen Dutzende der klassischen gelben Schulbusse bereit. Einer der Helfer fragt nur „Full or half full?“ (half full – das ist doch motivierender als HALB-Marathon) und man steigt in den richtigen Bus ein. Keine Wartezeiten, alles bestens. Ich wünsche Linus einen guten Lauf und dann geht die Fahrt los in Richtung Frenchtown. Während der Bus im hohen Tempo auf dem Interstate fährt, wird mir zum ersten Mal richtig bewusst, was für eine Strecke 42 km sind! Am Start angekommen, versuche ich, warm zu bleiben, es ja erst kurz nach 5 Uhr. Langsam wird es hell.

Milemarkers for Marathon
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Kurz vor dem Start singt eine Frau auf der Speakerbühne die amerikanische Hymne. Dabei ist es absolut still, die Amerikaner schauen alle in Richtung Sonnenaufgang, mit der Hand auf dem Herzen. Mich ergreift diese feierliche Stimmung, ich nehme sie mit auf den ersten Metern. Wir sind nun ‚auf dem Land‘. Farmen, einzelne Häuser und Weiden. Es riecht nach frisch geschnittenem Heu. Aber entgegen meiner Befürchtung sind bereits auf diesem ersten Abschnitt Leute am Strassenrand und begrüssen uns herzlich. Andere begleiten uns ein Stück mit dem Velo. Da ich den Lauf nicht als Wettkampf geplant habe, habe ich mir eine Endzeit von max. 3:50 vorgenommen. Auf der ersten Meile bin ich jedoch auf die Pacemakerin von 3:40 aufgelaufen. Die hat mich sofort begrüsst. Da ich Traci sympathisch finde, laufe ich mit. 3:40 ist nicht langsam, wenn man die ganzen Umstände bedenkt, aber ich fühle mich gut und laufe mit. Traci versteht ihre Rolle als Pacerin darin, „ihre“ Gruppe bei Laune zu halten und möglichst viele davon zur richtigen Zeit ins Ziel zu bringen. Sie singt, motiviert, fordert immer wieder die Zuschauer zu Applaus auf, verspricht einen Dirty Joke bei Meile 17, etc. Immer wieder wiederholt sie unsere Namen, bis sie jeden der etwa 20 Läufer, die ihr folgen, mit Namen kennt. Jede Meile wird angesagt, ob sie easy oder etwas schneller angegangen wird. Das bringt Abwechslung. Diese kleinen Rhythmuswechsel von Meile zu Meile sind für mich neu, aber ich kann mich gut damit anfreunden. Bei der Verpflegung (gut organisiert, ich habe mich erstmals erfolgreich auch mit Gels verpflegen können) mahnt sie uns, genügend Zeit einzuplanen („20 seconds, we have enough time, drink enough“), unablässig motiviert und spricht sie mit uns. Schon bald wissen alle, dass ich Schweizer bin, und die Zuschauer sollen das auch wissen. Ich erfahre aber auch von den anderen, woher sie kommen, den wievielten Marathon sie laufen, etc. Einige laufen auf 3:40, um sich für den Boston Marathon zu qualifizieren. Unterdessen haben wir die grössere Steigung (notabene an der Long Flat Road) erreicht, unter uns schimmert das Blau des Clark Fork River durch den Wald. Unterwegs begrüssen uns immer wieder Zuschauer, die es sich vor ihren Farmen und Häusern bequem gemacht haben. Eine Familie hat 2 Sofas an die Strasse getragen und geniesst ihr Morgenessen mit allen Annehmlichkeiten. Im Garten vor einem weissen, ehrwürdigen Haus spielt jemand im Frack Klavier. Viele haben ihre Rasensprenger so aufgestellt, dass man sich am Strassenrand etwas kühlen kann. Je näher wir der Stadt kommen, umso wärmer wird es. Nach jeder Meile informiert Traci, wie der Vorsprung (meist ca. 30-40 Sekunden) auf die Endzeit ist. Bis Meile 23 (Km 38) geht es mir sehr gut, und ich laufe locker mit. Auf den letzten km spüre ich nun die Wärme stark und muss nun kämpfen. Dafür steigt die Stimmung in Missoula. Die letzten 2 km führen durch die Alleen, so dass ich im Schatten laufen kann. Und dann kommt die Higgins Avenue und ich laufe über die Higgins Bridge (hier ist normalerweise viel Verkehr in Downtown Missoula), bei der das Ziel ist. Zeit 3:40:01. Erstaunlich, was das ausmacht, wenn man nur 12 Minuten länger unterwegs ist. In Zürich, mit optimalem Training und intensiver Vorbereitung bin ich 3:27 gelaufen und musste dafür an die Grenzen gehen. Und hier, 12 Wochen nach Zürich, laufe ich relativ locker in 3:40. Im Ziel treffe ich Linus, der mit 1:43 seine Bestzeit im Halbmarathon unterboten hat (der Bonus der Jugend) und Monika. Die Teilnahme von Linus hat mich sehr gefreut.

Wir geniessen im Ziel kühle Getränke, die Live-Musik und erholen uns im Schatten. Es ist locker und entspannt. Viele Familien sind hier und feiern ihre Läufer. Es sind viele Läufer dabei, die hohe Zeiten gelaufen sind. Diese werden im Ziel besonders gefeiert. Diese Stimmung dominiert ganz klar, es sind weniger die Bestzeiten, die auffallen, sondern es sind die Geschichten von Leuten, die zum ersten Mal einen Marathon oder Halbmarathon gelaufen sind – wohl typisch für die amerikanische Haltung. Es fällt uns immer wieder auf, dass Gemeinsinn und Freiwilligenarbeit in diesem Land einen hohen Stellenwert haben, etwas, das wohl nur wenige bei uns wissen. Gegen Mittag fahren wir zufrieden zurück zu KOA, wo Linus und ich den Whirlpool als perfekte Erholung ausmachen. Ich fühle mich danach schon gut erholt und fahre am Nachmittag mit Monika noch auf den Lolo Pass, da wir erfahren haben, dass dort noch ganze Wiesen von Blue Camas blühen sollen. Erfahren haben wir das auf facebook Seite des Missoula Marathons von einer Läuferin, die von Idaho angereist war. Wir finden auf der Passhöhe tatsächlich die Wiesen, Monika geniesst das blaue Blumenmeer, das in normalen Jahren bereits Mitte Juni am Abklingen (verblühen) ist. Ich mache ein paar Aufnahmen und geniesse danach den Schatten und die kühle Bergluft.

Nun können die Ferien so richtig beginnen!

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