Noatak River – Float im Herzen der Brooks Range

Noatak. Noatak!

Der Plan ist klar. Monika und ich wollen im Herbst einen Fluss in der Brooks Range im Norden Alaskas paddeln. Nachdem wir uns in den letzten Jahren immer wieder Südostalaska einverleibt haben, soll uns wieder eine Reise nördlich des Polarkreises führen. Einsamkeit, keine Bäume, welche die Aussicht versperren, die Tiere des Nordens und ein Fluss nur für uns. Das sind die Zutaten unseres Plans. Für mich ist klar, dass es nicht der Noatak sein soll, diesen Fluss habe ich mit Urs unter fast perfekten Bedingungen vor Jahren gepaddelt. Welcher Fluss soll es nun sein? Nigu River – Klarwasser, gegen Norden abfliessend? Alatna, na ja. Kobuk, der wär perfekt mit seinem Fischbestand, ist aber etwas gar breit und träge. Den spare ich mir auf, um ihn mit Fishing Buddies zu erleben. Killik oder Koyukuk? Letzter ist nicht einsam genug, Bettles mit seinen 21 Einwohnern ist grad um die Ecke. Killik River kann nicht so recht überzeugen.

Im Herbst ist Jagdzeit, da ist der Nigu eventuell mit Karibu-Jägern belegt. Andere Flüsse fliessen in nördlicher oder südlicher Richtung. Das kennen wir von den Alpen: Viel weniger Sonnenstunden! Ich stelle fest, ich werde zunehmend heikler. Nicht zu breit, Berge in der Nähe, im Norden wollen wir die Abgeschiedenheit erleben. And Monika can be rather picky 😉 . Es kommt, wie es kommen musste. Der Noatak fliesst von Osten nach Westen, die Headwaters und damit der oberste Teil des Fluss liegt im geschützten Teil der Brooks Range und ist somit für Jäger gesperrt. Der Fischbestand ist im obersten Teil nicht ganz so beeindruckend wie flussabwärts, aber es wird für uns reichen. Der Plan steht, wir floaten den Noatak – ein Traum!

Planung und Ausrüstung

Die Planung gestaltet sich für Wiederholungstäter in diesen Regionen relativ einfach. Flug nach Fairbanks, dort einmal gross einkaufen, verpacken und weiterfliegen nach Bettles. Dieser Outpost liegt südlich der Brooks Range und bietet sich als Ausgangspunkt geradezu an. Von dort geht es weiter mit dem Buschflugzeug zum Oberlauf des Noatak. Wir hoffen, dass wir möglichst weit oben starten können, also oberhalb des Pingo Lake. In Bettles gibt es zwei Outfitter, welche Boote und anderes Material zur Verfügung stellen. Für uns kommt eigentlich nur Brooks Range Aviation in Frage, Judy und ihr Team bieten einen guten Service und verfügen über gutes Material und kennen die Region seit vielen Jahren. Zudem sind ihre Services professionell und verlässlich, ein Umstand, den man im Busch nicht immer antrifft. Wir wollen nur das Boot und Bear Spray in Bettles mieten, den Rest der Ausrüstung bringen wir von zuhause mit. Bärensichere Food Container können wir in Fairbanks im National Park Office ausleihen, deren Vorrat ist beachtlich. Auf ein Satellitentelefon verzichten wir. Ich habe ein Garmin inReach Mini gekauft, das kleine Ding vermittelt doch einige Sicherheit und ist nun bei allen Touren mit dabei. Es ist für Notfälle perfekt und mit dem geringen Gewicht stört es nicht. In Alaska ist wohl bald jeder damit in der Wildnis unterwegs, lokale Versicherungen verlangen offenbar, dass ein Gerät dieser Klasse immer dabei ist.

Es lohnt sich, Mailadressen und Texte für Notfälle vorab am PC einzurichten

Der Rest der Ausrüstung stammt aus unserem bewährten Fundus. Aus unserer Zeltauswahl entscheiden wir uns für das geräumige Hilleberg Namatj 3GT. So haben wir genügend Platz, falls mal das Wetter unfreundlich ist. Ein guter Entscheid. Die Fischerausrüstung beschränke ich auf zwei Fliegenruten, eine unnötige Spinrute, nur das nötigste halt und ein paar Fliegen. Intruder, Popper Wogs, Wooly Buggers. Fliegen sind ja leicht und brauchen kaum Platz. Und für Äschen noch ein paar Nymphen und Trockenfliegen – hell und dunkel – müssen auch noch mit. Am Ende sind es wieder mehrere Boxen gefüllt mit Fliegen, die für 3 Jahre Nonstop fishing gereicht hätten. Jeder Fliegenfischer kennt das.

Der einzige Knackpunkt ist der Kocher. In Bettles können wir bei Judy Treibstoff kaufen, aber ob sie auch den richtigen vorrätig haben? Wenn in Bettles etwas nicht passt, ist es zu spät. In den USA kennt man fast nur Coleman Produkte, zudem herrscht ein Potpourri an Begriffen, wie man den Fuel dies- oder eben jenseits des Atlantiks nennt. Im Land der Meilen und Gallonen sind auch die Gebindemasse nicht immer kompatibel mit dem Rest der Welt. Nach einigen Mails ist auch das geklärt, der Benzinkocher kommt mit. Bei der Ausrüstung bin ich ziemlich pingelig. Einerseits liebe ich diesen Teil der Vorbereitungen. Irgendwo im Busch für zwei oder drei Wochen abgesetzt zu werden und dann passt eine Gaskartusche nicht, etwas ging vergessen oder funktioniert nicht, das möchte ich nicht erleben.

Fairbanks – gear up

Nach einem langen Tag, der uns von Zürich via Chicago am späten Abend nach Fairbanks bringt, holen wir den geräumigen Mietwagen ab und fahren nach North Pole, etwa 15 Minuten ausserhalb von Fairbanks. Das Moosetracks B&B ist unsere Basis für die nächsten zwei Tage. Bis zum Weiterflug nach Bettles regnet es fast pausenlos. Fairbanks im Herbst bei Dauerregen, es gibt angenehmere Orte.

Moosetracks B&B in North Pole, Alaska
Dieser Ort wird jährlich mit tausenden Weihnachtsbriefen von Kindern an Santaclaus eingedeckt

Wir sind aber gut beschäftigt, dazwischen klappern wir gute Restaurants und Bäckereien ab. You never know…
Im örtlichen Büro der National Park Behörde können wir das Briefing erledigen, die Route besprechen und leihen uns genügend bärenfeste Container aus. Nebst einem Metallfass nehmen wir noch die neuen Kunststoffbehälter von Bear Vault mit, diese sind sehr leicht und transparent, zertifiziert und halten auch den grössten Beisserchen stand. Die Ranger sind sehr hilfsbereit und kompetent. Abends packen wir unseren Grosseinkauf um, es reichen am Ende zwei Container. Am nächsten Morgen bringen wir die überzähligen Behälter zurück. „How long did you say is your trip? Ah okay, you’re traveling light. Cool“. Und wieder dieses Gefühl: Haben wir genügend Essen gepackt? Reichen die gepackten Mengen, falls wir Reservetage benötigen?

Schokolade und Kaffee von zuhause, der Rest ist ’shop local‘ in der Shoppingmall
Auf dem Uni Campus kann man wohl jede verfügbare Landkarte Alaskas besorgen. Den Besuch im Museum sparen wir uns für nach der Rückkehr auf

Nun geht es schnell

Bei Wright Airways ist wie immer viel los. Diese kleine Airline versorgt regelmässig all die kleinen Orte im Norden Alaskas, eine Lifeline für die Bewohner im Busch. Die Flugzeuge bieten Platz für ca. 15 Personen und sind immer mit reichlich Fracht beladen. Zunächst muss alles und jeder auf die Waage. Hunde, Flatscreens, Essen, Fahrräder, einfach alles muss mit. Den Agents entgeht nichts, ich versuche gar nicht erst, die schwere Kameratasche nicht mit auf die Waage zu nehmen. Wir bezahlen USD 1.80/Pfund für unser Gepäck, jenseits der Freigrenze von 40 Pfund pro Person. Und wir erhalten das OK, dass es genügend Platz hat, so dass alles Gepäck mit uns ankommen wird. Take off.

Monika ist bereit für den Flug. Wir überqueren den Yukon und landen nach etwa zwei Stunden in Bettles

In Bettles ist „viel“ los. Buschflüge mussten wegen des schlechten Wetters der letzten Tage verschoben werden. Einige Gruppen müssen aus dem Busch geholt werden, andere warten auf den Abflug. Judy ist permanent am Funk und tauscht sich mit den Piloten aus. Dazwischen kommt ein Pilot ins Büro, isst schnell sein Mittagessen und nimmt dabei die neuesten Aufträge entgegen. Genau wegen solcher Tage haben wir einen Tag am Anfang und am Ende des Trips anhängen müssen. Hier oben bestimmt das Wetter mit, ob und wann man fliegt. Wir besprechen unseren Flug, dabei muss ich handschriftlich den Pick up Punkt auf einem grossen Übersichtsplan eintragen und unterschreiben, wie die Konsequenzen sind, wenn uns der Pilot nicht zur angegebenen Zeit finden sollte („ritsch-ratsch“ mit der VISA. Man lässt keinen zurück, aber die langen Flugstrecken sind teuer). Leider lassen die hohen Wasserstände keine Landung beim 12 Mile Creek zu, so müssen wir doch beim Pingo Lake starten und paddeln bis Lake Kavatchurak. Es folgt die unvermeidliche Belastung der Kreditkarte „here’s your card back, you’re all set“.

Mittlerweile sind es 22 Menschen, die in Bettles ganzjährig leben. Eine sehr betagte, alleinstehende Lady und eine fünfköpfige Familie gehören dazu. In guten Wintern wird auf dem Fluss eine provisorische Eispiste gebaut, welche einen Zugang zum Highway bildet. Dann können Autos oder grosse Bauteile nach Bettles transportiert werden. Für alles andere gibt es nur die Luftbrücke

Wir richten uns im Hangar ein und überlegen uns, ob wir im Hangar oder draussen im Zelt schlafen wollen. Danach möchten wir das Boot checken. Zunächst sitzen wir gemütlich an der Sonne und essen etwas. Wir beobachten eine Gruppe von Jägern, die sich bereit machen für ihren Flug. Da werden Eierkartons (die grossen 30-er), Speck und anderes Essen in grosszügigen Mengen eingepackt, american size halt. „You know, we’re out for six days“. Wir haben keine Zeit zum Staunen und ich überlege wieder, ob wir gut geplant haben. Plötzlich heisst es, das Wetterfenster ist optimal. Wir fliegen in ein paar Minuten!

Vom Rollfeld in den Hangar
Unser Plätzchen im Hangar, im Vordergrund steht die Waage. Dieses unerbittliche Ding entscheidet, ob es knapp für die Cessna reicht oder ob wir eine Beaver brauchen. Der Unterschied beträgt 1000 USD

Wir fahren zum kleinen See, wo die Wasserflugzeuge stehen und schon bald dröhnt der Motor laut auf und wir fliegen los. Wir sind mit einer Beaver unterwegs, bezahlen aber „nur“ die Cessna, weil noch zwei junge Jäger, die zum Nigu River wollen, mitfliegen. Bald tauchen die Gipfel der Arrigetch Peaks auf. Unter uns mäandriert der Alatna, namenlose Täler, Gletscher und Flüsse durchziehen die Tundra. Keine Zeichen oder Spuren von Menschen sind zu sehen, wir schauen pausenlos aus den Fenstern. Nach etwa 90 Minuten landen wir und der magische Moment ist wieder da. Der Pilot fragt, ob alles ausgeladen ist, schaut auch noch kurz nach, danach startet er gleich wieder. Nun wird es ganz still und wir lassen den Moment und die Stille auf uns wirken. Immer wieder, wenn wir nach Alaska kommen, ist dies einer der kostbarsten Momente. Das Gefühl, dass wir nun ganz alleine da draussen sind. Ab sofort sind wir hellwach, alle Antennen sind auf Empfang.

Es kann losgehen

Noatak River

Der Noatak River fliesst im Oberlauf durch eine sehr beeindruckende Landschaft

Vor uns liegen 600 Kilometer, bis der Noatak bei Kotzebue in die Tschuktschensee mündet. Wir haben uns landschaftlich wohl den schönsten Abschnitt herausgesucht, bevor der Fluss mächtig und breit sich seinen Weg durch den flachen Westen Alaskas sucht. Im Mündungsgebiet wäre eine Befahrung mit einem kleinen Boot wohl lebensgefährlich. Die starken Winde und das riesige und verzweigte Delta sind nichts für Süsswassermatrosen.

Unser Boot ist ein 16 Fuss Kajak von SOAR. Nicht so schön zu paddeln wie ein Ally Faltboot, aber trotzdem gut zu manövrieren, einfacher zu beladen, und es passt viel rein. Es ist 95 (amerikanische) Pfund schwer und trägt 450 Kilo Gewicht. Der Mix aus Lastenkahn und einer Bootsform, die zumindest an ein Kajak erinnert, gefällt mir. Wir machen uns etwas mit dem Boot vertraut, dann kann es losgehen.

Lufttransplantation 🙂
Ready – das gute Wetter sorgt für einen guten Start

Unterwegs auf dem Wasser

Wir stellen unser Zelt gleich am Pingo Lake auf und verbringen die erste Nacht dort. Der Wasserstand des Flusses ist hoch, so dass die nächste Einbootstelle ungeeignet ist. Die Aussenkurve mit tiefem Wasser würde schnell zum Problem werden, wenn wir beim Einladen einen Fehler machten. So tragen wir am nächsten Morgen alles Material etwas weiter auf eine flache Kiesbank und bauen bei Sonnenschein das Boot auf. Ab jetzt suche ich immer wieder die Gegend um uns nach Bären ab, wenn wir zu Fuss unterwegs sind. Nach einer kurzen Einfahretappe finden wir einen schönen Spot, um das Lager für die kommende Nacht aufzubauen. Wir sitzen am Wasser und bestaunen die Landschaft und suchen mit dem Fernglas die Hänge nach Tieren ab. Der Wasserstand wird in den kommenden Tagen weiter zurückgehen, und die Kiesbänke trocknen langsam. Wir sehen die ersten Bären und ab und zu hören wir nachts die Wölfe heulen. Leider werden wir sie auf dieser Tour nicht zu sehen bekommen. Das Auf- und Abbauen des Camps und das Aufbauen und Umstellen eines Windschutzes benötigen jeden Tag einige Zeit. Wir geniessen diese Routine und starten jeden Tag zufrieden mit einem sauber gepackten Boot, wo alles gut vertäut ist.

Keine Spuren von anderen Menschen. Auch wir lassen nichts zurück, ich höchstens hin und wieder einen Teil meines Herzens

Die ersten Tage verbrauchen wir zu viel Benzin, zudem russt die Flamme sehr. So zerlege ich den Kocher und finde die Ursache in einer losen Schraube im Brenner. Nun schnurrt das Teil wieder. Der Wind wird in den nächsten Tagen immer etwas stärker. Bald haben wir eine optimale Lösung gefunden, indem wir den Tarp längs am Boot festmachen. Das schwere Boot ist meistens ein stabiler Befestigungspunkt. Zusammen mit den Paddeln haben wir einen kuschligen Koch- und Essbereich. Leider gibt es Tage, an denen die Windrichtung beim Kochen dauernd ändert. Stoisch bauen wir den Windschutz um, wenn es sein muss, mehrfach.

Knall und Fall

Am zweiten oder dritten Morgen passiert es. Nach dem Morgenessen geniessen wir noch etwas die Sonne und bauen das Zelt ab. Das Geschirr liegt zum Trocknen auf der Seitenwand des Bootes. Plötzlich gibt es einen sehr lauten Knall! Pfannen, Tassen und Besteck fliegen durch die Luft. Die eine Pfanne landet mehrere Meter weiter scheppernd auf dem Kies. Hä? Der Bootsboden besteht aus mehreren Längskammern, die untereinander verklebt sind. Ich habe am Morgen den Bootsboden frisch aufgepumpt. Offenbar war eine Verklebung spröde geworden und hat dem Druck nicht mehr standgehalten und mit einem lauten Knall wurden aus zwei Luftkammern nur noch eine. Dabei muss ein kleiner Riss in der Klebstelle entstanden sein. An reparieren ist nicht zu denken, die Stelle ist nicht erreichbar. Ich lasse etwas Druck ab. Die anderen Bodenkammern sind unbeschädigt. Die eine ist jetzt dafür doppelt so gross wie die anderen. Wir paddeln ab jetzt die ganze Zeit mit etwas weniger Druck und pumpen einmal nach pro Tag. Was für ein Schreck!

Bären und so

Am zweiten Morgen können wir diesen Bären beim Fischfressen lange Zeit beobachten

Wir bekommen viele Bären zu sehen. Sie ziehen ihre langen Wege dem Flussufer entlang. Offenbar sind alle Heidelbeeren in der Blütezeit erfroren. Nicht ein einziges Mal können wir auf dieser Tour unsere Müesli oder die Pancakes mit frischen Beeren ergänzen. Für die Bären sind die Beeren eine wichtige Nahrung im Herbst. Die mächtigen Tiere fressen Unmengen davon und bauen so ihren Wintervorrat auf. In diesem Jahr suchen sie den Fluss nach Aas und Lachsen ab, vielleicht erwischen sie auch mal eines der Karibus, die nun von den Bergen in ihre Winterquartiere ziehen. So sind wir nicht verwundert, dass wir die Bären vorwiegend am Fluss antreffen.

Dieser hier ist beeindruckend gross und zum Glück sehr scheu

Wir halten unser Camp sauber und stellen Zelt, Kochplatz und die Essensvorräte immer im Dreieck auf mit Abständen von etwa 70 bis 100 Metern. Es kommt nie zu einer kritischen Situation. Wir sind wachsam und zu zweit vermittelt man ein grösseres Selbstbewusstsein. Bei einem Solotrip ist das Gefühl im Camp doch ein anderes. Wir können immer wieder Bären beobachten und haben das Privileg, diese schönen Tiere in einer Landschaft zu sehen, wo sie ihren Platz seit jeher einnehmen. Diese Landschaft ist gemacht für Wölfe, Bären und Karibus.

Dieser Bär hat mir eine kleine Illusion genommen. Wir haben unser Camp auf einer kleinen Insel aufgebaut. Wenn man Bären auf der anderen Flussseite beobachtet, ist immer eine schöne Menge Wasser dazwischen. Das vermittelt Sicherheit. Man setzt sich hin, freut sich und macht Bilder. Dieser Youngster war zunächst am anderen Flussufer beschäftigt. Nur wenige Sekunden später hat er den Fluss mit einer Leichtigkeit durchquert und steht bei uns auf dem Vorplatz. Ich stehe auf und erkläre ihm die Hausordnung, er zieht verdutzt gleich weiter. Wir stehen da, ab jetzt mit einem etwas geringeren subjektiven Sicherheitsgefühl. Für Bären, aber auch Karibus, stellt ein kalter Fluss natürlich kein Hindernis dar, zeitlich schon gar nicht. Er wechselt einfach kurz die Strassenseite. Wenn ich mich unter die Dusche stelle und das Wasser ist noch nicht optimal warm, ist das die sicher die viel grössere Herausforderung!
Der Pfotenabdruck eines Wolfes
Sie sind immer in der Nähe, aber Probleme mit den Bären haben wir keine
Den Northern Shrike sehen wir oft. Loons und Gänsesäger können wir immer wieder beobachten. Andere Vögel sind schon auf dem Zug

Lake Matcharak

In den ersten Tagen wollten wir noch Tageswanderungen in die Berge machen. Die Tage sind aber so ausgefüllt und erfüllt, dass wir dies etwas verpassen. So beschliessen wir, am Lake Matcharak die Gegend etwas genauer anzuschauen. Zunächst haben wir Mühe, einen geeigneten Lande- und Lagerplatz zu finden. Da wir aber nun das Boot gut im Griff haben, können wir zwischen zwei Schwallstrecken anlanden.

Hinter uns der Lake Matcharak, direkt vor unserem Zelt eine der beeindruckenden Noatakschleifen
Camp an bester Lage!
Die Tundra in den Herbstfarben, einfach magisch

Zum See folgen wir den vielen Wildwechseln durch die Tundra. Lake Matcharak ist der grösste See in der Gegend. Die weitläufige Gegend ist traumhaft schön und gibt den Blick frei zu den nördlichen Bergketten der Brooks Range. Von den zahlreichen Lake Trout behalten wir eine als willkommene Zugabe für das Abendessen.

Dieser Kaltwasserfisch lebt meist im tiefen Wasser. Fische bis etwa 60 cm Grösse kann ich vom Ufer aus gut befischen. Die grossen Brummer sind im tiefen Wasser, dafür bräuchte es ein Boot
Frischer geht’s nicht

Floating bis zum Lake Kavatchurak

Kaltstart

Die Nächte sind kalt, meistens leicht frostig. Minus 10 Grad messe ich in der kältesten Nacht. Tagsüber wärmt die Sonne auf und wir geniessen die ruhigen Stunden auf dem Fluss. Die Landschaft in dieser Stille so geniessen zu können, ist ein Glück. Bei den Zuflüssen wird es interessant, oft sind dies gute Stellen um zu fischen. Im Noatak finde ich Äschen und Hundslachse. Die grossen Arktischen Saiblinge und auch die Äschen sind oft an den Zuflüssen zu finden.

An einem Zufluss stehen in den tiefen Pools an der Mündung grosse Äschen und immer wieder Saiblinge, welche die Streamer attackieren. Hundslachse sind um diese Jahreszeit auch im Aufstieg, sie haben bis hierhin schon einige Hundert Kilometer Flussstrecke hinter sich gebracht. Es kommt immer mehr Wind und Regen auf, so dass ich nicht so lange fischen kann, um vielleicht noch einen der grossen Saiblinge zu erwischen. Schade. Fürs Camp kommt diese Stelle leider nicht in Frage. Ich mag zwar Brownies zum Dessert, aber wir wollen nicht zum Dessert der vielen Brownies werden 😉

Kleine Fische? Nichts für ihn

Langsam wird die Landschaft flacher. Die Berge weichen sanfteren Hügeln, der Noatak ist nun etwas breiter geworden. Ein Seitenfluss bringt sehr trübes, schiefergraues Wasser. Ein äuserst stürmischer Gegnwind, gefolgt von Regen, führt dazu, dass wir kaum noch vorankommen. Die Wellen werden immer grösser, die Strömung des Flusses scheint vom Sturm aufgehoben. In einer windgeschützten Schleife suchen wir nach einer Möglichkeit, das Camp aufzustellen. Wir müssen aber nochmals etwa 300 Meter ziemlich mühevoll paddeln, am anderen Ufer finden wir dann einen passablen Platz. Für dieses kleine Stück brauchen wir viel Zeit, wir sind fast nur mit dem Korrigieren des Kurses beschäftigt. Der Wind ist so stark, dass das Zeltaufstellen schwierig ist. Gegen Abend lässt der Wind etwas nach und es regnet die ganze Nacht. Am nächsten Tag ist es zwar noch windig, aber wir sind wieder guten Mutes unterwegs. Wir können uns nun gut ausmalen, wie sich berüchtigten Winde im Delta des Noataks anfühlen.

Wir lassen uns weiter flussab treiben und geniessen Tundra Glamping.

Auf der letzten Etappe geben wir uns Mühe, den optimalen Ausstiegspunkt zu finden. Die alten Landkarten helfen nur bedingt. Das Wasser fliesst im grossen Abstand zu einer weiten und trockenen Flussschleife, die auf der Karte als wasserführend eingetragen ist. Ein Zufluss bringt viel Wasser, so dass die Strömung stark ist. Beim zweiten Versuch erwischen wir den Punkt optimal. Wir müssen die Ausrüstung so nur etwa 300 Meter durchs unebene Gelände tragen. Für die letzte Nacht finden wir eine feine Stelle, nur etwa 100 Meter vom Seeufer entfernt, wo das Wasserflugzeug landen kann. Wir melden mit dem inReach dem Piloten unsere Koordinaten und einen Wetterbericht. Bettles liegt südlich der Brooks Range. Die Piloten haben deshalb kaum Wetterdaten der Gebiete im Inneren des Gebirgszuges. Dort können ganz andere Wetterbedingungen herrschen. Weil die Flugzeiten recht lange sind, helfen Wettermeldungen für die Planung von Flugroute und -zeiten. Für Touren auf dem unteren Noatak kann auch ab Kotzebue geflogen werden, so muss keine Bergkette überwunden werden. Für den Oberlauf ist diese Alternative aber nicht möglich (zu weit).

Wir geniessen den letzten Abend bei schönstem Wetter. Monika kann es nicht lassen und geniesst eine Runde schwimmen im See. In der Abendstimmung zeigt sich die Tundra von ihrer schönsten Seite. Wir sind dankbar, dass wir gesund und ohne Probleme angekommen sind.

Blick vom Camp flussaufwärts, kochen ist nun Nebensache
Bär oder Karibu?
Die Landschaft zeigt sich in den schönsten Herbstfarben

Die Nacht ist frostig kalt, immer wieder krieche ich einige Centimeter aus dem Schlafsack und suche den Nachthimmel ab. Seit wenigen Tagen wird es nämlich fast ganz dunkel in der Nacht. Gegen ein Uhr werden wir belohnt. Über uns tanzen die Nordlichter. Wir staunen und geniessen. Es dauert lange, bis uns die Kälte wieder in die Schlafsäcke treibt. Am folgenden Morgen ist es eisig kalt. Es bildet sich kurz eine dünne Nebeldecke. Wir steigen zu einen kleinen Hügel hinauf, geniessen die warmen Sonnenstrahlen und sind einfach glücklich, einen perfekten Abschluss erleben zu können.

So wenig Platz braucht das Boot, wenn es verpackt ist
Wir melden uns nochmals bei Judy und melden „clear sky, no clouds, no wind“. Gegen 12 Uhr werden wir abgeholt
Wir sind ready
Am Mittag werden wir abgeholt. Zunächst wird die Beaver mit ein paar Kanistern mitgeführtem Kerosin nachgetankt

Am Mittag heben wir ab zum schönsten Flug, den wir je hatten! Selbst unser Pilot schwärmt und steuert die alte Beaver zunächst talaufwärts. Noch einmal drücken wir uns die Nase platt und reisen im Schnelldurchgang unsere Tour zurück. Zu unseren Freude fliegen wir danach durch weitere Täler und nicht direkt über die Berge. So geniessen wir noch Landschaften, Täler und Übergänge, die wir noch nie gesehen haben. Im Süden der Brooks Range leuchten die Hänge in den Herbstfarben. Die Aspen haben nun goldgelbes Laub. Wir geniessen jede Minute.

Diese Beaver ist 65 Jahre alt, ein working horse erster Güte. Der Pilot navigiert zwar mit einem modernen Garmin GPS, hat aber sichtlich Freude an seinem Handwerk mit dem museumsreifen Flieger. Dazwischen vertilgt er sein verspätetes Morgenessen. Unsere letzte Tafel Schweizer Schoggi geben wir dem Piloten, den dies sehr freut. Wir unterhalten uns prächtig. Die Fenster der Rumpelkiste sind leider auch 65 jährig, so dass die einzigen Bilder dieses Flugs für immer in unserem Kopf bleiben.

In Bettles bringen wir unser Gepäck in Ordnung und schauen, dass wir bereits am nächsten Tag weiterfliegen können. In Fairbanks haben wir doch etwas mehr Möglichkeiten, noch etwas zu unternehmen. Abends geniessen wir das Nachtessen in der legendären Lodge. Beim Kaffee hat die Lady am Tresen Lust und Zeit und erzählt endlose Stories über das Leben up North.

Der Koch ist ein lustiger Kerl und passt gut zur Lodge. Zur Dinner time war er unauffindbar, so dass der Boss kochen musste, was ihm sehr gut gelang. Er macht dies ja auch öfters…

Die Besitzer der Lodge führen im Winter Gäste mit ihren Schlittenhunden aus. Jetzt im Herbst gibt es nur Trainings mit einem alten VW. Ziemlich boring… und viel zu warm!

Beim Flug nach Fairbanks überfliegen wir den Yukon River – Erinnerungen an Jack Londons Bücher aus der Schulbibliothek

Am nächsten Tag sind tatsächlich zwei Plätze frei und wir können einen Tag früher nach Fairbanks reisen. So können wir dort zwei ganze Tage nutzen. Um diese Zeit versammeln sich in Fairbanks Tausende von Kranichen auf dem Gelände einer alten Farm. Wir verbringen viele Stunden auf den verzweigten Wegen der Creamer’s Field. Das Gebiet ist mittlerweile geschützt. Kraniche und andere Zugvögel rasten hier aus dem hohen Norden kommend, bevor sie weiter in ihre südlichen Wintergebiete ziehen. Wir geniessen das emsige Treiben und können so unsere Tour und Erlebnisse einigermassen verträglich setzen lassen.

Die grossen Sandhill Kraniche in so grosser Anzahl zu sehen, ist nur während der Zugzeit möglich.

Die gemeinsame Zeit haben wir mehr als nur genossen. Es ist ein starkes Erlebnis, eine so intensive Zeit zusammen erleben zu können. Von vielen meiner Leidenschaften hat der Mix von Natur, Wasser, Norden und etwas Abenteuer einen ganz besonderen Stellenwert.

Leave no trace!

Und wer noch nicht genug hat: Noatak 2010 mit zwei Videosequenzen der Landschaften und Tiere aus dem oberen Noatak Valley.

Comments 6

  1. Hallo ihr Zwei,

    grandiose Reise und ein super Reisebericht wie wir das von euch schon erwartet haben. Heike kann ich leider noch nicht für so ein Wagnis überzeugen. Und ich müsste glaube ich , Hans weis es !! mit dem Gepäck(Essen) ein bisschen mehr haushalten.

    Danke !!

    Bleibt Gesund !!! Eure Freunde aus Vorarlberg

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      Lieber Robert,
      das Boot trägt 450 Kg. Da hätte noch viel reingepasst, du hättest deine Kochkünste so richtig ausleben können (ich sage nur „Äsche nach thailändischer Art in Lappland…“)!
      Wir haben auch ganz gut gelebt und mussten nie mit Hunger ins Zelt.

  2. Boah, jetzt hatte ich endlich Zeit um den Bericht zu lesen und geniessen. Da habt ihr ja echt perfekte Konditionen erwischt, der Herbst ist auch meine Lieblingszeit…lieber kalt als schwitzen. Der Bericht liest sich spannend, leider wurde dadurch mein latentes Nordfieber noch mehr angekurbelt…ich wäre bereit, muss aber noch 22 Monate warten ( so fern es Corona dann ermöglicht)…Mit der Luftkammer habt ihr Glück im Unglück gehabt, die Seitenkammer wäre nicht so glücklich gewesen. Bei der nächsten Tour wechlse ich auch auf das Inreach, nachdem mir der Spot beim letzten Mal drei Tage lang eine Übertragung angezeigt hat, obwohl meine Frau nichts erhalten hat…
    Lg, Stefan

    1. Ich hoffe, wir können bald wieder loslegen. In „deine“ Gegend habe ich mich etwas eingelesen, da würde ich mich auch wohlfühlen!
      Beim Schreiben des Berichts ist auch mein Reisefieber und die Lust nach dem Norden wieder akut geworden.
      Viele Grüsse, Hans

  3. Lieber Hans, liebe Monika- soeben habe ich den Erlebnisbericht von eurem Alaska Abenteuer gelesen. Einfach grossartig. Ich konnte echt mitfiebern, als der Bär in euer Camp eindringen wollte. Ob er nun die Erklärung der Hausordnung verstanden hat oder ob ihr nicht in sein Beuteschema gepasst habt, lass ich mal offen. Ich jedenfalls hätte dabei einen deutlich höheren Puls gehabt und wäre kaum so cool geblieben. Ich freue mich mit euch, dass ihr derart nachhaltige Erlebnisse im Gut eurer Erinnerungen speichern könnt.
    Erich / Papi

    1. Post
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      Hoi Erich
      dieser Bär wollte wohl wirklich nur die Flussseite wechseln und nicht unser Camp genauer anschauen. Der war sehr ängstlich, und das ist gut so. In diesen Gegenden treffen Tiere auf so wenig Menschen, dass sie ihre Scheu kaum verlieren.
      Die Tiere und die Menschen 🙂

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