Um 21 Uhr werden wir im Hotel abgeholt. Ein Tag mit ausruhen, lesen und vorbereiten liegt hinter mir. Ich habe meinen Laufrucksack so gepackt, das alles stimmt. Um 18:30 Uhr habe ich zusammen mit Max, einem anderen Läufer aus der Schweiz, ausgiebig gegessen. Ich fühle mich gut, es kann losgehen.
Im Bus ist es warm und die lange Fahrt zum Start macht mich schläfrig. Wir treffen um etwa 23 Uhr in Andratx ein, es herrscht Rennstimmung, es ist laut und es wird viel gelacht. Nach der Chipkontrolle treffe ich noch Burkhard, der erst heute eingetroffen ist. Wir wechseln ein paar Worte und wünschen uns einen guten Lauf. Kurz vor Mitternacht gehen Max und ich zum Start. Die beleuchtete Altstadt und klassische Musik sorgen für eine stimmungsvolle Atmosphäre. 450 Läufer sind gemeldet, die Stirnlampen werden eingeschaltet. Die Turmuhr schlägt. Mitternacht – der Ultramallorca 2014 läuft. Nach wenigen Minuten wird es bereits steil, das Gelände schwierig. Der steinige Weg durch tuffartiges Gestein und die Pflanzen erfordern es, dass man jeden Schritt konzentriert macht. Die Stirnlampe muss so sitzen, dass man den Weg für die nächsten 2-3 Schritte festlegen kann. Schon nach etwa 40 Minuten merke ich, dass ich ziemlich Mühe habe, ich bin platt und ohne Energie. Ich bin überrascht und gar nicht glücklich! Einen Moment denke ich sogar ans Aufhören. Ich laufe nun noch langsamer und schaue mal, was passiert. Der nächste Dämpfer kommt bei der ersten Verpflegungsstelle: Ich habe den grössten Widerwillen, etwas zu essen, ein Orangenschnitz und etwas Wasser geht, danach ist Schluss. Beim nächsten Aufstieg merke ich, wie kraftlos ich unterwegs bin. Ob ich wirklich so langsam laufe, weiss ich gar nicht. Aber ich fühle mich kraft- und energielos. Diese Gedanken sind natürlich nicht aufbauend, es sind ja noch mindestens 17 Stunden bis zum Ziel. Vor Valdemossa verlaufe ich mich noch, ich laufe vor dem Dorf die letzte Steigung zu weit hinauf und verliere etwa eine halbe Stunde. In Valdemossa (km 45), verdünne ich mein Iso-Getränk so stark mit Wasser, das ich es wenigstens trinken kann. Etwas Cola trinke ich noch, alles andere überlasse ich den anderen Läufern. Diese essen Nudeln, Reis, gesalzene Nüsse, Kuchen, Früchte, alles beste Energie für so lange Strecken. Zeitlich bin ich ohne grosse Not unterwegs, so dass ich momentan nicht riskiere, einen Kontrollschluss zu verpassen. Ich versuche, einfach irgendwie ins Ziel zu kommen. Die Beine sind soweit gut, ich laufe mit einem tiefen Puls. Da ich nur auf „Reserve“ laufe, komme ich gar nicht den Pulsbereich, den ich normalerweise laufe. Versuche, intensiver zu laufen, scheitern sofort.

Die Wege sind oft schwierig zu laufen, viele grosse und lose Steine machen das Laufen schwierig. Bis auf die lange Steigung von Soller nach Cuber führen viele Wege durch den Wald und im Schatten durch die wilde und schöne Landschaft der Tramuntana. Nach Cuber hinauf sind wir der Sonne ausgesetzt, es ist allerdings nicht sehr heiss. Die unendlich vielen Terrassenwege durch die Olivenhaine sind trotzdem sehr anstrengend. Dieses Teilstück alleine hat bereits 842 Höhenmeter. Für mich ändert sich nichts mehr: Am Ende der 112 Kilometer werde ich eine Handvoll Orangenschnitze gegessen haben, Wasser und etwa ¾ Liter Cola – das ist alles. Wenigstens merke ich, dass ich bei dieser Pace weiterlaufen kann, wenn nicht der Körper irgendwann rebelliert. Vor dem Klosterort Lluc erreichen wir den höchsten Punkt, das Gelände ist nun richtig bergig. Die Aussicht zeigt bald, dass nach einem steilen Abstieg gleich nochmals ein Aufstieg im Gegenhang auf uns wartet. Mich erschüttert nun aber nichts mehr, einfach weiterlaufen…

Es wird nun Abend, noch 20 Kilometer liegen vor mir, aber mehr als 4200 Höhenmeter sind absolviert, ich weiss nun, dass ich ins Ziel kommen werde. Nochmals 200 Meter Aufstieg und dann nur noch abwärts. Viele der Läufer wechseln nun zwischen gehen und laufen. Sie alle wissen, dass sie ohne zeitliche Probleme finishen werden. Aber jeder kämpft nun. Da überholt dich einer scheinbar locker, nach einigen Minuten passierst du ihn wieder, während er an Muskelkrämpfen leidet. Für mich sind die letzten 10 Kilometer die besten des ganzen Laufs. Ich habe endlich wieder Freude und positive Gedanken. Ich kann diesen Teil nun durchlaufen und geniesse den Einlauf in die Stadt Pollensa. Es wird dunkel, die vielen Leute in den engen Gassen der Altstadt unterstützen die Läufer grossartig und sorgen dafür, dass jeder von uns wie ein Sieger einläuft. Auf dem Hauptplatz in Pollensa laufe ich nach 20:44 Stunden ins Ziel – fix und fertig wie noch nie, aber nun auch glücklich.
Ein kurzes Gespräch mit Monika und Linus. Sie konnten mich zuhause tracken, so dass sie immer wussten, wann ich welche Kontrollpunkte passiert habe.
Im Bus, der mich zurück ins Läuferhotel bringt, beginne ich zu frieren und bin hundemüde. Ich realisiere, dass ich kaum noch über Energie verfüge. Einfach nur schlafen.
Mein Fazit zum UMSDT
- Strecke: 112 km, 4400 Höhenmeter Aufstieg und etwa gleich viel Abstieg
- Informationen zum Lauf und Anmeldung: Eher mässig
- Organisation während des Laufs: Sehr gut, Strecke ist gut markiert
- Verpflegung: Genügend Posten, gute Auswahl, frisch
- Trails: Grössere Abschnitte sind sehr unruhig und schwierig zu laufen, viele lose Steine. Wenig Abschnitte, bei denen man locker laufen kann. Streckenführung ist gut
- Positiv aufgefallen: Sehr freundliches OK, Pasta Party am Tag nach dem Lauf ist ein Hammer, Buffet erstklassig. Nebst einem Shirt gab es als Finisher Preis ein Langarm Fleece von North Face.
- Negativ aufgefallen: Ab Valdemossa starten 1000 Läufer über die Traildistanz (60 km). Auf den engen Bergpassagen führte dies zu Unruhe beim Überholen (Eine Läuferin, die unmittelbar vor mir lief, wurde durch Steinschlag verletzt).
Bilder vom Lauf fehlen (noch).




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